Der übliche Schwachsinn · das Grundversorgungslogbuch · Teil 2

Sommer Spezial vom 21.06.2018 / → Teil 1, → Teil 3

Pünktlich zum heutigen Sommerbeginn startet hier die bereits angekündigte Serie von Beiträgen über die Erfahrungen einer Person, einer antragstellenden Person in Österreich, um es zu präzisieren.

Sie soll, wie auch alle anderen Beteiligten, anonym bleiben. Ich werde daher versuchen sie im weiteren Verlauf immer wieder einmal ein wenig zu skizzieren. Es handelt sich um eine Person mittleren Alters, die in einer Branche tätig ist, die in den letzten Jahrzehnten zusehends einschneidenden Veränderungen ausgesetzt war. Dies führte dazu, dass Ausbeutung und Prekarisierung (in der Folge verstärkt auch Selbstausbeutung und Selbstprekarisierung) unter den allermeisten innerhalb dieser Branche tätigen Menschen mittlerweile zu einer alltäglichen Lebensrealität geworden ist. Eine ganz normale Durchschnittsperson also.

Kurz zum Begriff des Prekariats im Allgemeinen: ‚Im römischen Recht‘, wir ziehen der Einfachheit halber die liebe Wiki zurate, ‚war ein Prekarium die unentgeltliche Überlassung einer beweglichen oder unbeweglichen Sache auf jederzeitigen freien Widerruf durch den Eigentümer. Ein Vertragsverhältnis zwischen dem Eigentümer und dem Nutzer (Prekaristen) wurde durch die Überlassung nicht begründet. Der Prekarist konnte die Sache gebrauchen oder nutzen, doch musste er jederzeit mit einem Widerruf rechnen. Insofern war ein precarium eine Bittleihe, abgeleitet vom Wort preces in seiner Bedeutung als Bitte.‘

Der Begriff des Prekären machte dann im Lauf der Geschichte noch ein paar Bedeutungsverschiebungen durch. Prekariat schließlich ist ein Neologismus der sich aus prekär (in der Bedeutung von unsicher, weil widerruflich) und (dem von Karl Marx geprägten Begriff) Proletariat zusammensetzt und gilt heute, um in der Wikipedia fortzufahren, ‚als eine neue Konzeption der post-industriellen Gesellschaftswissenschaften. Der italienische Politologe Alex Foti hat hierzu die These aufgestellt: „Das Prekariat ist in der post-industriellen Gesellschaft, was das Proletariat in der Industriegesellschaft war.“‘ und, um das Ganze ein wenig plastischer zu illustrieren, ‚Die Prekarier sind in diesem Forschungskontext (Friedrich-Ebert-Stiftung, Anm.) die Repräsentanten einer neuen Unterschicht der Abgehängten und Aussichtslosen. (…) Der entscheidende Unterschied zwischen Prekariat und Proletariat ist freilich, dass den Prekariern politisch nichts zugetraut wird. Bei ihnen handelt es sich um eine anonymisierte, zersplitterte Masse, ein Exemplum der „negativen Individualisierung“, die „in Begriffen des Mangels – Mangel an Ansehen, Sicherheit, gesicherten Gütern und stabilen Beziehungen – durchdekliniert werden kann.

Jetzt weiß ich auch endlich, warum ich mich bei diversesten Veranstaltungen klassischer linker Gruppierungen immer so unwohl fühle, wenn von der Arbeiter(innen)klasse die Rede ist. Wer soll das in absehbarer Zeit überhaupt noch sein? Wo doch Hannah Arendt bereits 1958 in Vita activa (oder im ungleich cooleren Originaltitel The Human Condition) von ‚Jobholders‘ gesprochen hat, von Menschen also, die alles andere sind als stolze Arbeiter und Arbeiterinnen. Hier läge möglicherweise das wahre Potential – das revolutionäre – des Klassenkampfs, liebe Linke, wenn ihr schon so darauf abfahrt. PREKARIERINNEN ALLER LÄNDER VEREINIGT EUCH! Oder so.

Lassen wir’s für heute einmal gut sein.

AG…

Ach ja, und hier der obligate Link zur entsprechenden Petition:

https://mein.aufstehn.at/petitions/zwangsenteignung-mit-uns-sicher-nicht

… und dem etwas verschärfteren Remix der Peti:

Zwangsenteignung? Mit uns kann man’s ja machen.

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Autor: Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)