Eine halbherzige Empörung und ein halber Nachruf

Allseitig vom 14.04.2018

Tja, jetzt ist es also passiert. Die rote Linie ist überschritten und wir kriegen wieder die fast schon vergessenen grünen Bilder geliefert, die nachtsichtigen, die Corporate Identity muss schließlich stimmen. Jetzt wissen wir also endlich mit Gewissheit, was so viele nach der – wie wir gleichfalls so gut wie sicher wissen – geschobenen Wahl des toupierten Trottels sich so voll Sorge gefragt haben. Ob der bloß ein Großmaul ist oder tatsächlich ein Button-Pusher.

Letzteres ist er jetzt auf alle Fälle, sowohl in der wörtlichen Auslegung, also jemand, der auf den Knopf drückt, als auch in der umgangssprachlichen, also jemand der bei anderen gerne Knöpfe drückt, ein sogenannter Instigator, wie wir aus dem Urban Dictonary erfahren, jemand, der die Eskalation mag, der gerne Stunk macht, na, ganz einfach ein blödes Arschloch, das war er ja auch schon vorher, wenn auch ein bauernschlaues, oder? Und ein feiges noch dazu, mag mancher oder manche anfügen, sonst hätte er wohl nicht noch zwei andere dazu gebraucht. Interessanterweise zwei, die – so wie er selbst – gerade innenpolitisch ausreichend Kacke am Dampfen haben, was jetzt wiederum die Beobachtung des amerikanischen Sozialwissenschaftlers und Psychohistorikers Lloyd deMause bestätigen würde, die dieser wiederum der Aussage eines Politikers – fragen Sie mich jetzt nicht welches – verdankt (und ich gebe diese auch nur sinngemäß wieder): Man muss weltpolitisch immer ein paar Töpfe am köcheln haben. Wohl um vom eigenen Unvermögen abzulenken, darf ich verkürzend hinzufügen. Das hat bis jetzt, zumal in besonders patriotischen Ländern, immer ganz gut geklappt, bis zum nächsten Katzenjammer halt.

Na, da wird sich der Vladimir aber freuen und der Bashar und noch ein paar andere Bauernschlaue, die sich solche Mühe gegeben haben ihre Provokationen so weit zu treiben, dass es auf ein paar zerschossene Schulen und Krankenhäuser dort und da und ein paar Kampfgasangriffe auf Kinder und erwachsene Zivilisten mehr oder weniger anscheinend auch schon nicht mehr angekommen ist. Schaut ja dort streckenweise eh schon aus wie im komplett zerbombten Dresden, nachdem der gute Winston nach dem ohnehin schon gewonnenen Weltkrieg, dann auch nicht mehr an sich halten konnte und sein äußerst gründliches Exempel statuiert hat. Und bauernschlau war die heutige Reaktion der Raketenmänner und -Frau dann schließlich auch irgendwie. Was gibt es denn da zu mäkeln bei solch unglaublicher Präzision der militärischen Hochtechnologie?

Na ja, jetzt sind wir g’scheiter, was? Wie schon mal erwähnt, Politik ist nicht wirklich mein Ding, die kann nichts mehr als einem entweder kalte Schauer über den Rücken zu jagen oder die Fingernägel über den Hinterkopf. Außer vielleicht manchmal noch im Kleinen – Stichwort Munizipalismus – aber ich komme trotzdem lieber zu einem zeitgleichen Geschehnis, das meine Aufmerksamkeit erregt hat: Miloš Forman ist vergangene Nacht gestorben. Es gibt ja nichts beschisseneres als Todesnachrichten zu verbreiten, überhaupt, wenn man das nicht muss, aber da komm‘ ich irgendwie nicht drum herum. Der war mir immer einer von den ganz Allerliebsten, selbst dann, wenn er ein Bisserl dabeben war oder geflunkert hat oder historisch falsch lag, fragen Sie mich nicht warum, der konnte das einfach: voll ins Schwarze treffen. In jenes der sogenannten menschlichen Seele.

Und ich erspare mir und Ihnen jetzt Lobgesänge auf seine großartigen Erfolge und Bravourstücke anzustimmen, wie Einer flog über das Kuckucksnest (1975), Hair (1979), Amadeus (1984) oder Larry Flynt – Die nackte Wahrheit (1996), das erledigen sowieso gerade eifrig die Medien. Stattdessen möchte ich Sie auf einen seiner Filme hinweisen, der möglicherweise ein wenig untergegangen sein könnte. Zumindest war das kein großer Erfolg – rund neun Millionen US-Dollar weltweit am Box Office ist für einen Film aus den Zweitausenderjahren geradezu mickrig – und die Kritiker haben sich auch nicht gerade überschlagen. Ach ja, der Titel des Films lautet Goyas Geister, Goya’s Ghosts im Original und er kam 2007 in die Kinos.

Darin geht es vordergründig um Francisco de Goya, den spanischen Maler und Grafiker des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, kongenial verkörpert von Stellan Skarsgård, und hintergründig geht es, nun ja, um den Hintergrund, würde ich sagen, den historischen. Die Geschichte beginnt zur Zeit der spanischen Inquisition, und zwar in der Endphase dieser übelsten Drecksbande in der Geschichte des Katholizismus und nimmt dann schließlich eine abrupte Wendung, als Napoleons Truppen in Spanien einmarschieren. Das Augenfällige dabei ist, dass die Machenschaften der Inquisitoren da schon ein Ausmaß an bürokratischer Routine, Willkür und Dekadenz erreicht hatten, dass es einen nur so schwindelt, bei der bloßen Vorstellung das Leinwandgeschehen als ein historisches zu begreifen. Und Miloš Forman gelingt das, was ihm in seinen guten Arbeiten stets gelingt, er holt das Ganze auf eine im äußersten Maße persönliche Ebene. Der weiß einfach, wie man das hinkriegt, dass das so richtig weh tut. Darum verzeiht man/frau ihm auch stets so gerne seine Abweichungen von der historischen Wahrheit, die sind ohnehin offensichtlich. Dafür gelingt es ihm, die direkten Auswirkungen der politischen Verhältnisse auf einzelne Protagonist*inn*en in einer Drastik über die Leinwand rüberzubringen, dass es selbst dem ärgsten Zyniker und der schlimmsten Zynikerin eine Gänsehaut aufziehen muss.

Und er hat in diesem Fall auch noch ein großartiges Schauspielensemble zur Hand – unter anderen Natalie Portman als buchstäblich bis auf’s Blut gequälte junge Muse des Malers, eine Rolle, die jede andere Hollywoodschauspielerin ihres Kallibers wohl als geschäftsschädigend abgelehnt hätte, und Javier Bardem in der besten Rolle seiner Karriere, wenn Sie mich fragen. Vergessen Sie No Country for Old Men und schauen Sie sich Bardem in seiner Rolle als opportunistischer Pater Lorenzo an.

Mich würde es jucken Ihnen noch mehr von der Handlung zu schildern, aber Sie könnten den Streifen ja möglicherweise noch nicht gesehen haben, deswegen verrate ich lieber nicht zu viel. Der Film ist obendrein auch noch spannend wie ein Krimi, deftigst mit Sarkasmus gewürzt, streckenweise herzzerreißend und manchmal ganz einfach unsagbar düster. Mit der Bitternis am Ende, zumindest hat mich eine solche erfasst, müssen Sie dann halt alleine klarkommen.

Eine der lauwarmen Kurzkritiken, über die ich gestolpert bin, meint, dass Miloš Forman das „Malerauge vor allem als Beobachterauge und die Kunstwerke als Zeitdokumente, auf die sich die fiktive Geschichte insbesondere im Vor- und Abspann beruft“ begreift (Critic.de). Das ist ja ganz lieb geschrieben, trifft aber irgendwie auch den genialen Kern des Films (oder eher knapp daran vorbei), der ihn so angenehm von typischen Künstler-Biopics über einsame, weltfremde Genies absetzt. Schließlich war Goya ja nicht „nur“ Hofmaler (gelegentlich auch Pornograph) sondern gerade in seinen späten Jahren der wichtigste Chronist einer Zeit der heftigsten Umbrüche, zumindest was Bilder betrifft, und zwar einer, der sich seine eigene moralische Haltung zum Zeitgeschehen erlaubte, was ihn auch immer wieder in Schwierigkeiten und schließlich in den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts dazu brachte Spanien zu verlassen. Das war keine Lappalie die Kirchenväter als Blutsauger und Kriegstreiber darzustellen, zerfetzte und aufgespießte Kriegsopfer abzubilden und das Ganze dann als Radierzyklen zu vertreiben.

Was mich jetzt noch einmal zum Anfang zurückführt. Der österreichische Philosoph Thomas Macho, hat, wenn ich mich richtig erinnere, zur Zeit des ersten Golfkriegs einmal bemerkt, dass dieser so eigenartig leergeräumt sei von allen Greueln, so glatt inszeniert, so technisch perfekt und sauber, was die Berichterstattung betrifft. Es ging in dem Zusammenhang auch um den Vietnamkrieg, den letzten Krieg, der seiner Beobachtung nach von ambitionierten Journalisten noch zeitnah, ungeschönt und direkt abgebildet wurde. Schon klar, nachher haben wir dann auch bei späteren bewaffneten Konflikten, wie das medial so schön heißt, von den schmutzigen Seiten erfahren, so wir denn wollten, von den Golfkriegen genauso wie vom Jugoslawien-Krieg, vom Völkermord in Ruanda, von den Greueltaten der Roten Khmer (zu einem gewichtigen Teil eine Folge der Politik Richard Nixons). Relativ lange danach. Da drängt sich einem irgendwie die Frage auf, wer die heutigen Goyas sind oder sein werden. Posten die auf Youtube oder Instagram, oder ist das alles ohnehin schon so abgehoben, dass da gar nichts mehr greift bei uns? Das funktioniert echt bestens. Ich mein‘, ich schau mir das an, was da halt so läuft auf verschiedenen Kanälen, und mir ist das schon dermaßen egal, echt jetzt, die ballern heute frühmorgens über hundert ferngelenkte Raketen in irgendwelche Ziele in Syrien, und mir ist das eigentlich so was von wurscht, da reg‘ ich mich doch über jede Zugverspätung mehr auf.

AG…

Ach ja, und dass der Basti die nächtliche Hauruck-Aktion in Ordnung findet, wundert mich jetzt aber komischerweise gar nicht, dem scheint im eigenene Landl irgendwie schön langsam auch das Popscherl auf Grundeis zu gehen, und vom Erdo fang‘ ich erst gar nicht an.


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Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei (public domain), Francisco de Goya, El sueño de la razón produce monstruos

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Autor: Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)