Facebook goes gen Italien, höchste Zeit!

21st Century Man vom 17.04.2018

Was ich stets als Privileg empfunden habe und als unglaublich entspannend, war nicht Facebook-Mitglied zu sein. Das war immer lustig mit Leuten darüber zu sprechen und wie emotional die dabei wurden. Was? Wieso? Wie willst du denn ohne? Und wehe, ich fing vielleicht auch noch an ein wenig zu lästern, das ging ab und an schon fast ein wenig in Richtung kopfschüttelndes Mobbing gegen den Verweigerer. Einmal hielt mir jemand in einer Bar eine regelrechte Standpauke, das lief in etwa so ab und es braucht auch noch eine kleine Vorgeschichte dazu:

Ich habe diesen Blog ja aus sehr persönlichen Gründen begonnen, dann nach und nach aber Gefallen daran gefunden zu schreiben. Keine Ahnung, was da ist. ‚Language Is A Virus From Outer Space‘ hat die US-amerikanische Künstlerin Laurie Anderson vor einer halben Ewigkeit einmal getextet. Ich glaube, in meiner Vorstellung trifft es das doppelt und dreifach. Vom Beginn an hat mir für meine Schreibkrankheit allerdings eine liebe Freundin angeraten, ich solle eifrig für Verbreitung sorgen.

Ich wäre selbst gar nicht darauf gekommen, mir war das völlig egal, irgendwie hat man ja auch so ein fiktives Publikum im Kopf, und man ist ja eher schüchtern als Frischinfizierter, aber ich nahm mir ihren Rat zu Herzen und distribuierte, wenn auch nicht gerade sehr eifrig. Und hedopunk-stylie, sprich: die Adresse der Website auf kleine Zettel geschrieben und gelegentlich Leuten in die Hand gedrückt, manchmal Freunden, manchmal Wildfremden, die ich beim Ausgehen traf. Das war immer ganz lustig und wurde vielleicht ab und an belustigt oder überrascht aber durchwegs positiv aufgenommen. Mit der Zeit hatte ich dann schon so einen gewissen Blick dafür bekommen, wen ich in einem Lokal mit meinem bekritzelten Papierschnipsel beglücken konnte.

Einmal jedoch, ich war schon recht gut illuminiert, erspäte ich auf einer Tanzveranstaltung eine potenzielle Leserin, die mir irgendwie ins Auge stach. Sie war sehr damenhaft gekleidet – weiße Bluse, schwarzer Rock, Jäckchen, leicht toupiertes, rotes Haar – und ich hätte schwören können, das steckte ein Mann darunter. Einerseits bringt mich das immer noch in selige und amüsante Verwirrung, andererseits erinnerte sie mich sehr stark an einen alten Freund, dem ich nach Jahrzehnten, in denen wir keinen Kontakt hatten, in der Straßenbahn begegnete. Der hatte es vorgezogen sein Geschlecht zu wechseln – oder Gender, wer weiß das schon so genau – und sah ein kleines Bisschen wie seine eigene Oma aus – transentechnisch einfach großartig. Wir begrüßten uns dann recht sittsam, fast ein wenig schüchtern und sehr diskret und talkten ein Bisschen small in der Bim. Ich muss in solchen Situationen immer an den seligen und göttlichen Divine denken, na ja, für seine Assoziationen kann man schließlich nichts. Die angesprochene Dame im Lokal hatte also gewisse Vorschusslorbeeren und ich reichte ihr mein Hedopunk-Zetterl.

Die Reaktion war überraschend heftig und das aus Gründen, die für mich bis heute im Dunkeln liegen. Also das gehe doch gar nicht. Ein Blog auf einer normalen Website. Und die Internetadresse auf einem Zettel. Aus Papier. Und du bist nicht bei einer Social-Media-Plattform? Das kann doch nicht sein! So geht das wirklich nicht! Meine Einwände, und das waren durchaus konkrete und höflich vorgebracht, wurden einfach weggewischt. Ich müsse mir meinen Erfolg doch abholen, und das gehe heutzutage nur mit Social-Media. Da gäbe es doch eh so eine große Auswahl, wobei, Facebook sei einfach die beste Wahl. Ich könne doch nicht als Geheimagent da so vor mich hin agitieren. Das wurde immer phantasievoller und abstruser, und dabei hatte die Dame noch keine einzige Zeile meines Blogs gelesen (wobei es das, denke ich, ohnehin eher verschlimmert hätte). Immerhin hatte ich bei der Plauderei die Gelegenheit die Dame aus der Nähe zu betrachten, revidierte meine ursprüngliche Annahme und war jetzt eher der Meinung es handelte sich um eine Frau mittleren Alters, die wie ein als Frau verkleideter Mann aussah, was mich jetzt noch mehr verwirrte. Mein Erfolgserlebnis des Abends war jedenfalls, dass mein Zettel schließlich doch in ihrer Damenhandtasche landete.

Facebook ist für mich allerdings seither nach wie vor völlig uninteressant geblieben. Zumindest als Medium für mich selbst, in der medialen Diskussion und Berichterstattung natürlich ganz und gar nicht. Es handelt sich dabei ja mittlerweile sowohl um einen gigantischen Kriminalfall als auch um eine unerhörte Polit- und Justizaffäre. Am Beginn des Jahres habe ich dann doch einen kleinen Test gemacht. Ich habe Facebook ja immer für eine verbrunzte Scheißplattform gehalten und tue das noch immer, aber man soll ja nichts unversucht lassen. Nicht zuletzt für Sie, geschätzte Leserinnen und Leser. Also habe ich ein FB-Account erstellt. Das Interessante war für mich gleich der Einstieg. Facebook hat mir da zur Begrüßung eine Liste von Personen ausgeworfen, die meine Freunde werden könnten. Von den 50 vorgeschlagenen Leuten kenne ich etwa die Hälfte, manche sind sogar mit mir verwandt und einige sind tatsächlich Freunde von mir. Woher weiß Big Data das? Ich war doch zuvor dort niemals Kundschaft, oder? Vor allem, was ist mit den anderen, die ich nicht kenne? Mir hat es jedenfalls gereicht, meine Vorbehalte nur verstärkt und ich habe nach einigem Suchen den Löschknopf gefunden und mein FB-Konto wieder geschlossen. Die Durchführung der Löschung dauert dann halt zwei Wochen, klappt aber, wenn man nicht weich wird, und es stellt sich dann innerhalb kurzer Zeit eine spürbare Erleichterung ein.

Letzten Sonntag hat mich Herr Ostermayer dann wieder auf Facebook gebracht, ich gebe jetzt einfach seine Einleitung zur Radiosendung ‚Im Sumpf‘ wieder, dann erspare ich mir lange Erklärungen:

„Morgen, verehrte Sumpf-Gemeinde, feiern wir den Tag der Schamteile – Genitals Day, wie wir Amis dazu sagen würden, wenn wir Amis wären. Morgen, Punkt 10 Uhr Vormittag sollten alle Menschen, die von Facebooks Politik der Kunstzensur angepisst sind, Fotos, Bilder und Zeichnungen von Penissen und Vulvas auf ihre Facebook-Seite stellen, am besten freilich Meisterwerke der Kunstgeschichte. Einen flötenblasenden griechischen Pan etwa, mit einer zweiten Flöte in der Leibesmitte, oder Michelangelos David-Statue mit dem schon beängstigend kleinen Zumpferl, oder Gustave Courbets behaarte Scham als Ursprung der Welt. Allerhöchste Kulturgüter allesamt, die Facebook gnadenlos zensuriert. Weitaus toleranter gibt sich die Konzernmoral, wenn es um Sexismus, Rassismus, Homophobie, NS-Verherrlichung und sonstige Meisterwerke der Unmenschlichkeit geht. Die widerwertigste Hetze, die ekelhafteste Verhöhnung steht unter dem Schutz der freien Meinungsäußerung. #Zuckerpussy, #Zuckerdick (oder #suckapussy, #suckadick?, Anm.)! Abermillionen Geschlechtsteile können nicht irren. Setzen wir mit Muschis und Pimmeln ein Zeichen! Facebook soll zugemüllt werden mit dem Natürlichsten, was diese bigotten Heuchler für obszön befinden – freilich keine Pornos, nicht einmal einen braven Geschlechtsakt, nur entblößte Schamteile, wie Gott sie schuf. Oder Botticelli oder Buonarotti, Caravaggio, Rubens, Cranach, Manet, Matisse, Egon Schiele, Man Ray, Günter Brus, Niki de Saint Phalle, Charlotte Moorman, Yoko Ono, Maria Lassnig, Valie Export, Elke Krystufek und so weiter und so fort. Machen wir aus Facebook eine gigantische Galerie der Glieder und Scheiden, kulturgeschichtlich abgesegnet, Prädikat wertvoll und jugendfrei ab 6! Denn nichts ist weniger anstößig als unsere Scham. Morgen Montag ist der Tag der Schamteile. Teilen wir sie, in Gottes Nam‘!“

Schöner kann man’s wirklich nicht sagen. Ich hoffe, der Herr O. verklagt mich jetzt nicht wegen des geschändeten Urheberrechts oder sein Sender, aber es würde dann auch einem treuen Mitglied seiner Gemeinde arg mitspielen, fast schon einem Familienmitglied. Um wieviel trister wären die Achtzigerjahre in der Provinz für mich verlaufen, wenn ich nicht als pubertierender Knabe in der ‚Musicbox‘ seiner damals schon sonoren Stimme lauschen hätte können und der seines leider verstorbenen Kollegen, Gott hab ihn selig, Werner Geier? Da gab es noch kein FM4, und Ö3 war zwar weniger schlimm als jetzt, nehme ich an, aber doch schlimm genug. Dass aus mir trotzdem nichts Gescheites g’worden ist, Onkel Fritz, kann doch wohl nur mehr an der bösen Welt da draußen liegen, also bitte sei gnädig!

Was den Aufruf betrifft, na, da kann man doch nur der Aufforderung zur hochanständigen, genitalen Agitation folgen, das ist doch beinahe Ehrensache! Deswegen gibt es hier sogleich einmal das Werk des japanischen Großmeisters Katsushika Hokusai ‚Der Traum der Fischersfrau‘, und ich muss mich ja hier nicht auf die solitäre Darstellung der Gemächte beschränken, also darf es auch ein wenig schlüpfrig werden und ich Ihnen meinen Versuch einer deutschen Erstübersetzung des Textes dieser maritimen Shunga-Grafik aus dem 19. Jahrhundert gleich mitposten, den Beitrag gibt es bis jetzt in der deutschsprachigen Wiki noch nicht.

(zum Vergrößern ins Bild klicken)

Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei (public domain), Katsushika Hokusai, Tako to amaDer Traum der Fischersfrau oder auch Muscheltaucherin und Oktopus oder auch Muscheltaucherin und zwei Kraken

GROSSER OKTOPUS: So lange habe ich im Verborgenen auf dich gewartet, und endlich habe ich dich? Was für eine feine Muschi! Es könnte nicht köstlicher sein! Schlürf, Schlürf… Zuzl, Zuzl, Zuzl… Ich werde dich in den Drachenpalast führen, nachdem du bedient worden bist.

FRAU: Verdammter Oktopus! Ah, ah, du langst an meine Zervix! Ich kann nicht atmen! Oh, ich komme, deine Saugnäpfe… oh, deine Saugnäpfe… oh, was du damit anstellst! Oh ja, oh ja… Ich bin noch nie so… aaah, aaah… von Kraken… mmm… gut, gut… ja… da… Schlürf, Schlürf, Schlürf…

GROSSER OKTOPUS: Wie fühlt sich das an von acht Armen aufgegeilt zu werden? Da, du bist so erregt und völlig nass.

FRAU: Oh, es kitzelt, und ich verliere die Kontrolle über meinen Unterleib. Ich verliere die Kontrolle! Ich komme! Ah, ah…

KLEINER OKTOPUS: Wenn Papa fertig ist, werde ich rubbeln und zuzeln, von der Klitoris bis in die kleinsten Vertiefungen, mit meinen Saugnäpfchen!

Und wenn Sie mir die Übersetzung jetzt gar nicht glauben möchten, dann sehen Sie sich doch die englische Vorlage an (hier der Link, der Text befindet sich unterhalb des Bildes). Direkt aus dem Japanischen kann ich Ihnen das beim besten Willen nicht verdolmetschen, und der Radius meines japanischen Freundeskreises ist leider gleich Null, das ist ein Bissl dürftig, ich weiß, was soll’s. Aber diese Pikanterie von dem Meister H. – der war schon ein Odrahter, mein liebes Seepferterl!

AG…

Oh, das wichtigste hätte ich fast vergessen, Hedopunk gibt es jetzt doch auf Facebook und zwar hier (Pardon, den Link gibt’s nicht mehr, bin gleich nochmals übersiedelt und zwar hierhin). Ich kann doch den Fritz Ostermayer nicht hängen lassen! Die Idee ist einfach zu gut. Ich war zwar nicht um zehn Uhr vormittags zur Stelle, habe aber pünktlich um zehn Uhr nachts mein Ding gepostet (hatte am Vortag dem Rotwein etwas zu sehr zugesprochen). Ich hoffe, Sie verzeihen als ganzer einem halberten Burgenlandler diesen Fauxpas, lieber Fritz. Und Sie, liebe LeserInnen müssen, falls Sie das Bild auf Facebook sehen wollen, fürchte ich, eingeloggt sein, sonst sieht man/frau/kind da nichts, oder Sie können sonst nicht posten, glaub‘ ich zumindest – verflucht – was weiß ich, kenn‘ mich da noch nicht wirklich aus in diesem Sauhaufen. Sie können das natürlich auch als Aufforderung zum Mitmachen auffassen, Sie haben doch sicher auch Facebook. Nicht? Was? Wieso? Wie wollen Sie denn ohne? Hier ist zur Sichereit der Link auf die Facebook-Seite unseres allseits geschätzen und verehrten Radio-Heilsbringers Fritz O., da haben Sie auch schon mal ein paar schöne Beispiele und Anregungen. Mal sehen, wie das läuft mit Facebook, erwarten Sie bloß nichts von mir, ich werde mich bemühen das so schluddrig wie möglich zu handhaben. Ist ja doch bloß eine grindige Trash-Plattform. Mir ist das egal, ich weiß ja jetzt, wie man das Konto löscht. Wie man ihm entfleucht, dem sozialen Netzwerk.

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Autor: Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)