L’argent pour l’argent oder: How to fake a Leonardo · Teil 2

Nostalgia postfactica vom 29.05.2018 / → Teil 1

Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei (public domain) außer Skull and brain normal human diagram by Patrick J. Lynch, medical illustrator – Creative Commons License Attribution CC BY 2.5. Remixed by MxO

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Was hat mich da bloß geritten? Wie konnte ich nur in dermaßen arroganter Weise über hart arbeitende Kunsthistoriker, Restauratoren, Experten und -Innen herziehen? Was ist denn so schlimm daran das Bruttonationaleinkommen des ohnehin schon gebeutelten Vereinigten Königreichs mal eben mit einer kleinen Finanzspritze des eh so lieben und fortschrittlichen Kronprinzen aus dem schnuckeligen Saudi-Arabien ein klitzekleines Bisschen aufzupäppeln? Dass doch wenigstens der Harry Prinz und die Markle Meghan eine putzige kleine Hochzeitsfeier haben können. Wen stört denn das ernsthaft, ob der da Vinci Leonardo da an dem Heiligenbild nur grad‘ einmal vorbeigeschwommen ist wie die Cranberry am Vöslauer Balance-Flascherl? Was ist denn so schlimm daran, daß jetzt ein einziger nicht so ganz hundertprozentig echter Renaissance-Meister da irgendwo in der Wüste rumhängt? Interessiert doch eh keine S… Seele so wirklich. Was soll’s?

Ja was bloß?

Hm, na ja, das mit der Finanzspritze kann man so eigentlich nicht wirklich sagen, Christie’s gehört ja ganz eigentlich der Groupe Artémis, also ganz, ganz eigentlich dem französischen Milliardär François Pinault. Da bleibt dann wohl vermutlich doch nicht so viel in Britannien hängen. Blöde Geschichte. Und die Sache mit der Kunst? Nun gut, wenn die Kunst nicht mehr zählt, dann wird sie halt abgeschafft. Dann muss man/frau sie halt loswerden. Sag‘ ich jetzt mal so. Dann isse halt weg. Da muss man/frau/kind sich halt anfreunden mit mieser Qualität – bitte untertänigst um Verzeihung – mit den veränderten Verhältnissen. Vielleicht finden sich ja noch mehr Leonardos oder Rembrandts – ui, da habe ich jetzt vorgegriffen – oder wie wär’s mal mit einem Velasquez? Je mehr das werden, desto weniger fällt das dann auf, oder? Da werden wir uns schon dran gewöhnen. Da scheint sich zumindest für mich, aber bitte nehmen Sie mich bloß nicht für voll, ein hauchzarter Trend abzuzeichnen.

Okay, genug des Geplänkels. Fall Nummer 2, ich hab’s ja schon verraten, ist das angebliche Werk des niederländischen Barockmalers Rembrandt Harmenszoon van Rijn, ich gestehe, ich kann das selbst kaum aussprechen – mein Schneidezahnersatz ist schon etwas schief – gemeint ist jedenfalls der Rembrandt. Das vermeintliche Rembrandt-Gemälde nennt sich ‚Porträt eines jungen Mannes‘ – wie originell – und wieder fehlt die Provenienz – wie praktisch – und wieder ist der Betreiber des Deals Kunsthistoriker – wie unglaublich praktisch – und wieder ist der Herr zufällig gleichzeitig auch Spekulant – hui! Die Summe ist diesmal nicht ganz so berauschend, Herr Six, so heißt der schneidige Entdecker, hat etwa 156.000 Euro dafür hingeblättert, aber mal sehen, was sich durch den geplanten Wiederverkauf noch herausholen lässt, für den nunmehr „echten Rembrandt“. Na, läuft doch ganz gut bis jetzt.

Und das Beste diesmal ist, ich brauche mir nicht die Mühe zu machen mich persönlich aufzupudeln (wen das interessiert, den/die darf ich in aller Bescheidenheit auf den oben verlinkten Teil 1 dieses Beitrags hinweisen), das nämlich hat dankenswerterweise schon jemand anderer erledigt. Darüber bin ich tatsächlich sehr froh – bei mir kündigen sich bereits die ersten Anzeichen von Alkoholentzug an und der Artikel in der FAZ (hört, hört!) ist für Sie nur einen Klick weit entfernt – nämlich hier – überaus verständlich und knapp geschrieben, und Sie ersparen sich meine üblichen Schimpftiraden und ausufernden Details.

Wow, das isses schon wieder, das ging aber heute schnell :). Ja, ja, ich weiß, bliebe noch die Sache mit der Kunst, das war ja wirklich ein Bisserl kryptisch eben. Das Verschwinden derselben und so, der ernste Hintergrund der Story, ach Gottchen! Also gut, wann war doch gleich das letzte Mal, als da jemand auf die ingloriose Idee gekommen ist, man könnte da gröber an der Kunstgeschichte herumpfuschen? Ach ja, jetzt fällt’s mir wieder ein: 1936. Da erging ein Totalverbot jeglicher Kunst der Moderne, und 1937 gab es dann eine fesche Austellung in München dazu: Entartete Kunst. Na, das müssen Sie schon verstehen, die kramperten Nazi-Monumentalskulpturen und -Gemälde, das waren schon ordentliche Kaliber, da wär‘ ja schließlich auch einiges zusammengekommen in tausend Jahren, da braucht es dann schon ein Bissl Platz im Museum. Da können wir uns den doch nicht vollstellen mit so neumodernem Zeug, das eh keiner versteht. Die alten Meister versteht zwar auch keiner, aber die schaffen wir halt zur Sicherheit in den Obersalzberg oder sonstwohin. Man weiß ja nie, ob die noch einmal was wert sind, nicht?

Aber diese finsteren Zeiten sind ja längst vorbei, heute haben wir da subtilere Methoden zu Geld zu kommen, nur leider gehen uns die alten Meister aus und die neuen… ah, weiß nicht recht, da kriegt man/frau dann doch immer etwas Bauchzwicken, das ist doch so riskant, wer blickt da noch durch? Ist das nicht doch nur aufgeblasener Kitsch? Da macht einer riesige Klumpen Play-Doh aus Aluminium nach und malt Yachten an. Bäh! Ach, da bleiben wir doch lieber bei den alten Meistern. Jetzt wissen wir ja, wie man/frau die hervorzaubert, oder ? Vielleicht sollte ich auch mal einen nachbasteln, wenn das gar so lukrativ ist.

Viel Spaß, liebe Leserin, lieber Leser, mit dem Artikel von Stefan Trinks in der FAZ und… oh, jetzt muss ich doch noch eine kleine Ergänzung anführen. Bildvergleiche sind in der Kunstgeschichte ja immer noch das beste und unverzichtbarste Mittel um beweiskräftig zu argumentieren und ein solcher findet sich auch im angesprochenen FAZ-Artikel (das Porträt des Marten Soolmans). Es geht dabei um abermalige Stümperei in der malerischen Ausführung des Sensationsfundes und im Besonderen um die Hand auf dem ‚Porträt des jungen Mannes‘. Der Redakteur hat hier den überaus klug gewählten Begriff ‚Gummifinger‘ zur Verdeutlichung verwendet. Ohne Übertreibung, wie ich finde, denn man kann in der Tat nicht erkennen, ob die Hand behandschuht sein soll oder einfach abgestorben, überhaupt sieht der ganze Unterarm aus, als wäre ihm unter dem spitzenverzierten Hemd die Luft herausgelassen worden. Und – ich konnte mich da nicht erwehren – mir ist dann spontan das folgende Bild eingefallen, dass ich Ihnen keinesfalls vorenthalten will. Wer den Film kennt, erinnert sich bestimmt an die entsprechenden Szenen. Mörderisch gut und so was von deppert :D!

AG…

Gefladert von hier

P.S.: Irgendwie lässt mir das heute keine Ruhe. Das Seltsamste bei der ganzen Sache… die Dargestellten auf den Gemälden kommen mir so bekannt vor, ich kenne tatsächlich einen jungen Gentleman… also wenn man dem die Haare mit einem Hut so bescheuert in Form presst und ein Bisserl rotes Lipp-Gloss verpasst… und das letzte Mal beim Salvator mundi… sieht der nicht irgenwie dem Putin ähnlich, ich meine, in jungen Jahren… und man liest ja immer so viel über russische Fälschungen und so fort… aber in aller Öffentlichkeit? Nein, das kann doch nicht… oh, mon dieu! Commissaire Juve! COMMISSAIRE JUVE!

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Autor: Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)