Textophilie

Glosserl vom 10.03.2017

(zum Vergrößern ins Bild klicken) hinzugefügt am 23.05.2017

Der Ausdruck Textophilie (von lateinisch texere ‚weben‘, ‚flechten‘ und griechisch φίλος philos „Freund“; also „Liebe zum Zutexten“, die Neigung, äh, die Hingabe… Leidenschaft für… ah… AAHH, DIE MACHT… ähem… mitunter… vielleicht… des Zuscheißens anderer mit verbalen [Klein-]Kunstwerken. No, textn hoid!) bezeichnet allgemein die Liebe zum getippten Wortwechsel und noch allgemeiner – jene zum flüggen Wort.

Die Frage, die sich hier gleich mal stellt ist natürlich, ob Textophilie nicht auch Textverliebtheit meinen könnte, also die Liebe zu(m) Texten an sich (ja, ja, jetzt kommen gleich die Spezialisten und sagen, das gäbe es schon, das sei Bibliophilie). Leute, wir leben im 21. Jahrhundert, da kennt sich sowieso keiner mehr aus. Also ich würde beides gelten lassen.

Laut dem Urban Dictionary (Stand: Anfang März 2017) steht der Ausdruck ‚textophile‘ für eine neue Generation von Mobiltelefon-Benutzern, die mehr Zeit für das Erstellen von Kurznachrichten aufwenden als für die bestimmungsgemäße Nutzung des Geräts, das Sprechen. Es sei also zu beobachten, dass Textophile Kurznachrichtendienste einem Anruf vorziehen. Textophile Personen verfassten ihre Nachrichten etwa inmitten eines Gesprächs, in unpassenden Momenten und in gesellschaftlich inakzeptabler Weise.

Ergänzt werden müsste diese Definition jedenfalls mit dem Typus der oder des Textophilen der passiveren Prägung, jener Menschen also, die sich öfter am Empfangen der elektronischen Textnachrichten erfreuen und bisweilen im Schatten ihrer tippfreudigen (wenn auch nicht immer fingerfertigen) AntipodInnen (wie schau’n die aus, bitte?) stehen, da sie sich seltener durch augenfälliges Verhalten in der Öffentlichkeit bemerkbar machen. Die Rollen dieses Spiels der öffentlichen Heimlichkeit werden jedoch auch gerne immer wieder einmal getauscht. Privates Texten, daheim im Betterl, geht natürlich auch. Sofern man/frau/kind eines hat…

In allen Weltgegenden wurden schon Textverliebte beobachtet, die sich souverän in der Natur und unfallfrei inmitten des Straßenverkehrs bewegten, scheinbar ohne den Blick vom Handy abzuwenden. Böse Zeitgenoss#inn#en haben wohl schon allzu oft insgeheim darauf gelauert Angehörige dieses eigentümlichen Kults gegen eine Laternenmasten donnern zu sehen, nur um im nächsten Moment verdutzt zu beobachten, wie jene dem Hindernis – wie von Zauberhand geleitet – elegant ausgewichen sind. Es wird vermutet, dass es sich bei Menschen, die der Textophilie anhängig sind, um eher zurückhaltende Charaktere handelt und ihr Verhalten womöglich dem Wunsch entspringt den Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung nicht mit übermäßig lautem Telefonieren und ständigem Handy-Gedüdel auf den Nerven herumzutanzen. Textophile sind offensichtlich mit überdurchschnittlich guter Sensorik ausgestattet und durchaus in der Lage beim Tippen zumindest teilweise in geselliger Runde einem Gespräch zu lauschen oder daran teilzuhaben. Dennoch ist es ratsam, schon aus Gründen der Pietät, diese Form der Tipp-Liebhaberei nicht mutwillig zu stören und Textophile nur im äußersten Notfall anzusprechen.

Ob es sich bei der Textophilie weiters auch um eine Ausdrucksform von Interpassivität handelt, werden wohl weitere Untersuchungen zeigen. Robert Pfallers Theorien über das delegierte Genießen sprechen eher dagegen. Schließlich wäre damit eine Maschine am jeweils anderen Ende der Leitung nötig, die entweder Texte verfasst oder auf Nachrichten antwortet. Im äußersten Fall würden beide Partner eines textualen Gedankenaustauschs ihr Smartphone in den interpassiven Modus schalten und die Geräte könnten untereinander kommunizieren, flirten, Verträge aushandeln. Im Prinzip würde sich dasselbe ereignen wie bei Slavoj Žižeks kopulierenden Sexspielzeugen, nur anstatt auf einer physischen dann auf einer quasi psychischen Ebene. Eine Vorstellung, die womöglich sogar dem finstersten Cyberromantiker eine kleine Träne (?… hm… nein, wohl kaum. Nja, weisst eh, die Romantikerr…rinnen) entlocken könnte. Aber selbst verliebte Textophile werden nun einmal müde.

Technikgeschichtlich betrachtet bietet ein im vergangenen Jahrhundert beliebtes Spiel unter Schulkindern mögliche Hinweise zur Entstehung der Textophilie. Sowohl das von Lehrerinnen gefürchtete Briefchenzustecken als auch das unter Lehrern berüchtigte, im Raum Linz und Umgebung unter dem Begriff ‚U-Hakerl-Schiaßn‘ bekannte, Schleudern von metallenen Kleinteilen mittels Gummiband waren bereits aus alter Zeit bekannt. Es muss jedoch der Genialität und dem Geschick eines besonders verwegenen oder auch schüchternen Schulkinds zu verdanken sein diese beiden Techniken zu verbinden und so die blitzschnelle Beförderung von Nachrichten zumindest über einige Meter Entfernung zu bewerkstelligen. Mit dem zeitnahen Aufkommen der Mobilfunktechnologie waren es so nur mehr wenige Entwicklungsschritte (ja, ja, wenige Entwicklungs…, wir haben Milliarden und Abermilliarden investiert!) zu den heute verbreiteten Short-Messages (SM, Plural: SMs, leicht zu verwechseln  mit der gleichlautenden Abkürzung für eine Spielart der Erotik […hm, oder eventuell gleichbedeutend? Ich mein‘, „RUF! MICH! AN!“, das war doch mal eine Message, und recht kurz eigentlich]) und diese rasen jetzt um den halben Globus. Somit waren die handschriftlichen Anbandeleien aus den grauen Klassenzimmern plötzlich zu einer beliebten Form des diskreten Gedankenaustauschs – auch unter Erwachsenen – „aufgestiegen“.

Zu den wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen der elektronischen Textliebhaberei, auf welchem Gerät auch immer – Tablet, Smartphone, PC, E-Reader, Laptop – soll hier vorerst nur folgende Zahl genannt werden: 42.000.000.000 (was jetzt? Nachrichten? Täglich? Was weiß ich, WhatsApp hat SMS überholt oder wird es bald tun). Jahresumsatz und Profitrate kann man/frau/kind nach Lust und Laune selbst ausrechnen oder mutmaßen, wo die Kohle gebunkert wird und sich die zur Aufrechterhaltung des Serverbetriebs abgetragenen Bergrücken vorstellen (ui, Klimaziel wieder nicht erreicht! Was heißt hier Klima und was für ein Ziel? The Donald hat jetzt das Sagen, oder?). Wem jetzt mulmig wurde, der sei beruhigt: Eine sogenannte SMS ist winzig, ich mein‘, so richtig winzig, die hat ganz wenige Kilobits – ungefähr eins. Das ist ein Lercherlschas gegen die monströse Filmchenflut auf Video-Portalen. Ich will gar nicht wissen wieviel Tera-, Exa-, Cetabyte das sind. Aber sogar die arbeiten schon an umweltverträglichen Lösungen. Also ruhig weitersimsen, solange es das Geldbörsel verträgt. Und der Tipp-Finger.

Politik interessiert mich nicht wirklich, also schließe ich hier mal. Bildchen zum Glosserl gibt’s dann später, morgen, vielleicht (grr, mir sitzt schon wieder der Prokrastinator im Nacken). Egal. Ich schnapp‘ mir jetzt so ein Gummiringerl, Zetterl ganz klein falten und fest zusammendrücken, einspannen und ZING! Geht doch, naja, halbwegs.

Ach Gottchen…

Zur Textophilie findet sich auch ein Beitrag in der Stupidedia; unseres geschätzten Monsignore O, dem wir diese Ausgabe des Glosserls verdanken (ich glaub‘, er freut sich über Ergänzungen, Bearbeitungen, bin mir nicht sicher, der ist immer so komisch. Naah, der ist doch eh lieb. Weiß nicht recht, grusel! Aber geh!)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)