L’argent pour l’argent oder: How to fake a Leonardo

Nostalgia postfactica vom 29.12.2017 / → Teil 2

Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei (public domain) außer Skull and brain normal human diagram by Patrick J. Lynch, medical illustrator – Creative Commons Attribution License CC BY 2.5. Remixed by MxO

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Bevor das, angesichts der schier zyklonenhaft turbulenten Zeitläufte, vergleichsweise unbedeutende Ereignis wieder im medialen Strudel untergeht und dem kollektiven Vergessen anheimfällt, möchte ich hier doch noch meinen (übrigens durchaus wohlmeinenden und hoffentlich nicht allzu unbekömmlichen) Senf dazugeben. Ich spreche von der Versteigerung des bis dato vermutlich teuersten Gemäldes in der Menschheitsgeschichte, des Salvator mundi durch das traditionsreiche Auktionshaus Christie‘s, bei der ein anonymer Käufer oder eine anonyme Käuferin den Zuschlag erhielt. Der Preis mag übertrieben hoch erscheinen, wäre aber, wenn schon nicht zu rechtfertigen, so doch immerhin verständlich angesichts der vermeintlichen Tatsache, dass es sich bei diesem Tafelbild immerhin um ein Gemälde des allgemein als Universalgenie bekannten Malers der italienischen Hochrenaissance Leonardo da Vinci handelte und das letzte und einzige seiner Werke, das bis vor kurzem noch für den privaten Erwerb zur Verfügung stand. Leider muss ich Sie enttäuschen.

Was der/die unglückselige Bestbieter/in am 15. November 2017 um 400 Millionen US-Dollar zuzüglich 50 Millionen US-Dollar Gebühren (!) gekauft hat, ist eine halbwegs passabel gemalte, zum Segen erhobene Hand (auch diese bedauerlicherweise nicht von der Hand des alten Meisters stammend) auf einer ramponierten Tafel aus Wahlnussholz. Der Rest ist – sorry – vernachlässigbarer Schrott. Wahrlich kein Schnäppchen, das gute Stück. Was für die wenigen unter Ihnen, die eine zumindest einigermaßen solide oder gar klassische Ausbildung auf dem Gebiet der schönen Künste (selbst wenn’s ein Zeichenkurs im Selbststudium mittels YouTube gewesen sein sollte) absolviert haben, ohnehin offensichtlich ist, soll hier der Seriosität halber zumindest in aller (mir möglichen) Kürze noch ein wenig eingehender erläutert werden.

Grafiker und Maler im traditionellen Sinn sind, zugegebenermaßen nicht ohne Grund, Angehörige einer aussterbenden Spezies. Wozu hat die Menschheit schließlich die Fotografie und in weiterer Folge computergestützte Zeichenwerkzeuge erfunden, wenn man/frau/kind sich auch am Beginn des 21. Jahrhunderts noch damit abplagen müsste, etwa einen halbwegs richtig proportionierten Kopf eigenhändig zu Papier zu bringen. Was ihr (der Menschheit) im Zuge dieser Entwicklungen jedoch leider weitgehend abhanden gekommen zu sein scheint, ist allerdings die Fähigkeit Objekten der visuell in Erscheinung tretenden Welt mit Augenmaß und ungetrübtem Blick zu begegnen. Andernfalls könnte ich mir die Mühe dieses Beitrags sparen und mich, was den Salvator mundi – den Erlöser der Welt – betrifft, mit der einfachen Aussage begnügen: Was immer das da sein soll, da Vinci ist das jedenfalls keiner. No way. Das Ding stammt nicht einmal aus seiner Werkstatt. Und niemand würde mir ernsthaft widersprechen.

Das Dumme am Big Business ist halt, dass, wenn es um Geld geht, um richtig dicke, fette Kohle (und um etwas anderes geht es auf dem Kunstmarkt schon seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr), sich sogleich eine Menge Zeitgenoss#inn#en und Interessensgruppen finden, die offenbar wider ihr besseres Wissen gewillt sind die absonderlichsten Theorien zu stützen, um ein Bisserl mitzunaschen am Geldsegen. Da tummeln sich Versicherungen, Transportunternehmen, Auktionshäuser, Museen, Galerien, Treuhänder?innen, Gutachter?innen, Konservator?inn?en, Restaurator?inn?en, Kunsthistoriker?innen, Kurator?inn?en, Künstler?innen, Medienvertreter?innen und was weiß ich wer sonst noch alles, um an der Inszenierung einer kulturellen Weltsensation teilzuhaben und ihren Schnitt zu machen. Beim großen Deal um den angeblich von Leonardo höchstselbst stammenden Salvator mundi – als Coup, selbst unter heutigen Marktverhältnissen, nicht gerade ein Leichtgewicht unter Taschenspielertricks hat man/frau/kind von Expert?inn?enseite allerhand Eigentümliches und Sonderbares, ja geradezu Rührendes vernommen, um die ohnehin höchst umstrittene These zu untermauern, es handle sich um ein Werk, das zumindest unter Beteiligung da Vincis entstanden sei, auf alle Fälle jedoch aus seiner Werkstatt stamme.

Zuschanden sei das Bild gemacht gewesen, durch eine entstellende Übermalung (ich denke, da hatte wohl eher jemand versucht zu retten, was noch zu retten war) und in mühevoller Arbeit musste das eigentliche Meisterwerk freigelegt und „restauriert“ werden. Was dann zutage trat, war eine regelrechte Sensation. Mit glänzenden Augen gibt der Kunsthistoriker Robert Simon in einer Sendung auf CNN zum Besten, für Kunsthistoriker sei dies das Äquivalent zu einer Goldmedaille, und wie bei jedem Erreichen einer solchen erwarte auch er sich nicht jemals eine zweite erhaschen zu dürfen (na, das hoffe ich auch, dass euch so ein hanebüchener Schwachsinn kein weiteres Mal durchgeht).

Der Moderator des Fernsehberichts spricht gar von einer spürbaren spirituellen Präsenz angesichts des Bildnisses Christi, dessen Antlitz der Kamera zum letzten Mal in solcher Direktheit entgegenblickt, bevor es hinter Schutzglas verschwinden wird.

Gleichfalls ganz ergriffen schildert Dianne Modestini, die Restauratorin des Gemäldes, dass sie zu Beginn der Arbeit am Salvator ja nicht im entferntesten an einen Leonardo gedacht hatte, obschon sie ein Gemälde von hoher Qualität erkennen konnte, vor allem wegen der „segnenden Hand“. Wir erfahren, dass bereits über 20 Fassungen des Salvator mundi-Motivs aufgefunden worden waren, doch diese eine sei anders, einer Kleinigkeit wegen: Der Künstler habe im Laufe der Arbeit seine Meinung ge- und ein Detail verändert. Pentimento nennt das der Fachmann / die Fachfrau – zu deutsch Reue. Was macht er dann, der Maler? Reuestriche, och. Der im Zuge der Restaurierung des Salvator mundi entdeckte Change of Mind oder, wie von Frau M. noch rührender ausgedrückt, „change of heart“, diese kleine nachträgliche Veränderung also, findet sich beim Salvator in der Neigung eines Daumens – wie süß! Und ganz typisch für da Vinci. Und was für ein Beweis (als ob nicht hunderte und tausende von Malern vor und nach ihm andauernd Änderungen an ihren Gemälden vorgenommen hätten)!

Weitere Einzelheiten und Pentimenti traten hervor, unter dem Mikroskop und mittels spezieller Röntgenaufnahmen. Veränderungen, die der Künstler an Schmuck und Gewand vorgenommen hatte, wurden enthüllt. Und dann… die Locken! Frau M. waren bereits zuvor Übereinstimmungen mit jenen eines anderen Bildnisses aus Leonardos Œuvre aufgefallen, dem Johannes‘ des Täufers, dem letzten Werk da Vincis (mit dem Schinken sollte ich mich vielleicht auch mal befassen). Und dann erst das Sfumato, diese rauchige Anmutung der Malerei, besonders augenscheinlich um die Augenpartie (hm, schaut tatsächlich wie ein bekiffter Hippie aus der Wäsch‘, der gute Jesus – und nichts gegen bekiffte Hippies jetzt). Ohne Zweifel ein echtes Meisterwerk von der Hand des Meisters aus Vinci. Ich breche hier mit meiner Zusammenfassung des CNN-Beitrags ab, mir wird schon leicht übel und mir tut die gute Frau Modestini leid. Sechs Jahre lang hat sie an Leonardos Werk geschuftet und sich nur schwer vom Heiland trennen können, gesteht sie beinahe unter Tränen (Sechs Jahre! Und dann kommt sowas dabei heraus. Da wäre ich auch aus dem Häuschen. Na ja, das Salär wird schon gepasst haben, hoff‘ ich doch). Also, wenn Sie sich das ganze Interview antun wollen: hier, bitt’schön.

Schließlich darf der brasillianische Künstler Vik Muniz, begeleitet von Vice News das Gemälde im Original in Augenschein nehmen und ist ganz von den Socken und auch ein wenig betrübt, da das Werk ja schon bald in Privatbesitz und somit keiner Seele mehr zugänglich sein wird. Herr Muniz, bekannt für lustige Basteleien und Spielereien mit Werken alter und neuerer Meister (wie George Seurats ‚La Grande Jatte‘ aus Puzzleteilen oder einer Nachbildung der Mona Lisa mit Erdnussbutter und Marmelade), ist sich dann auch ganz sicher. Der erste Blick sage einem doch sofort, dass es sich um einen Leonardo handle. Keiner könne Haare so malen (meint er die Schmalzlockerl?), keiner eine Kristallkugel mit ihren kleinen Unregelmäßigkeiten so vortrefflich (ich dachte, das sieht eher aus wie Kondenstropfen in einem Goldfischglas), und da sei etwas Spezifisches an der Art und Weise, wie der Faltenwurf gemalt ist, ganz ähnlich wie auf anderen Meisterwerken da Vincis (na, das sehe ich auch, dass da jemand versucht hat Leonardos Stil zu imitieren und damit kläglich gescheitert ist). Es ist schon fast zum Haare raufen.

Glücklicherweise gibt es ja doch noch etwas kritischere Medien. So war im Kurier vom 17.11.2017 etwa zu lesen: ‚„Historisch“ war die Auktion insofern, als sie als erste „postfaktische“ Auktion der Geschichte gelten kann: Zweifel an der Authentizität und Qualität des Bildes wurden durch einen medienübergreifend zelebrierten Geniekult einfach weggeschwemmt.‘ Und noch pointierter: ‚Durch den Preis hat das Werk nun aber eine zweite Aura bekommen: Es ist wertvoll, weil es wertvoll ist, und Punkt.‘

Und anscheinend sind da draußen außer mir auch noch andere Menschen ohne Lobby, die dieser Kunstskandal, der offenbar nicht als solcher wahrgenommen wird, genug aufregt, um sich die Mühe zu machen den Fall eingehender zu untersuchen. Sichtlich in Eigenregie ist es ein Video entstanden, das sehr detailliert und ein wenig im Stil typischer Verschwörungsfilmchen, nichtsdestotrotz recht informativ, eine ganze Menge Widersprüche bezüglich des Salvator beleuchtet. Zu sehen ist dieser Streifen mit dem schönen Titel The Lost Leonardo – Questioning the Consensus (hoffentlich noch immer) hier auf Youtube (bedauerlicherweise ist das Video hinten abgeschnitten und der Kommentar wird von einer dezent maschinenartigen Frauenstimme gesprochen, fast ein Bisschen Stephen Hawking like – leider die einzige Version, die ich im Netz finden konnte). Darin erfahren Sie auch etwas über die Bezüge und Differenzen zwischen der Cook-Version (der 450-Millionen-Dollar-Fassung vor der Restaurierung) und der Ganay-Version, die tatsächlich eine Originalfassung sein könnte – allerdings genauso wenig von Leonardo da Vinci gemalt wie die andere (soviel steht für mich fest, auch ohne die Argumente der Filmemacher).

Allen Abweichlern vom Mainstream, auch den kritischsten Stimmen, ist leider eines gemein – sie sind allesamt ziemlich brav und vorsichtig mit Ihren Einwänden. Selbst der hartnäckigste Zweifler, der Schweizer Kunsthistoriker und Leonardo-Experte Frank Zöllner, räumt noch die Möglichkeit eines „Leonardo mit Werkstattbeteiligung“ oder einer „Werkstatt[-arbeit] mit Leonardo-Beteiligung“ ein (ein interessantes Interview übrigens und hier zu sehen), der Kulturmontag des ORF kommentiert lediglich: „Ganz unumstritten ist die Zuschreibung nicht.“ und fordert seine Zuseher zum fröhlichen Rätselraten auf und sogar der sonst so gestrenge Klaus Albrecht Schröder, Chef der Wiener Albertina, meint im ORF-Interview recht lapidar, er vermute ein Werk mit „hohem Werkstattanteil“ und hätte angesichts dieses Umstands den hohen Preis nicht erwartet. Falls Sie nun erwarten sollten, jenseits unserer Landesgrenzen wäre es besser um die öffentliche Meinung bestellt, nun, ich würde nicht darauf wetten. Scrollen und blättern Sie sich durch die Boulevard- und Fachmedien, nur zu! Anscheinend will niemand Gefahr laufen sich zu blamieren.

Gibt es denn keine Menschenseele, die der Massenhypnose durch die magische Zahl 450.000.000,00 widersteht, auf den ‚Ritterschlag‘ (Kurier) der National Gallery in London pfeift und ohne Vorbehalte einen unvoreingenommenen Blick auf das verhunzte Holzpaneel mit dem verwordagelten Christus wirft? Scheiß auf die Hand, die hätten hundert andere Maler besser hingekriegt, ich rede davon, dass das Bild als Ganzes unter aller Sau ist. Und das kommt jetzt womöglich in die Künstlerverzeichnisse und Schulbücher (!), als eigenhändiges Werk des Malers, Bildhauers, Architekten, Anatoms, Mechanikers, Ingenieurs und Naturphilosophen Leonardo da Vinci. Na, herzlichen Dank, liebe Kunstwelt, das nenne ich mal einen würdigen Auftakt zum vielbeschworenen postfaktischen Zeitalter.

Genug lamentiert, machen wir Nägel mit Köpfen!

Zunächst zur jüngeren Geschichte des Werks und seiner unglaublichen Wertsteigerung (ich berufe mich hierbei vornehmlich auf die Wikipedia, Stand 26.11.2017): Nach 1900 befand sich der Salvator, der Heiland, im Besitz der englischen Textilhändlerfamilie Cook und wurde 1958 von Cooks Nachfahren um 45 britische Pfund versteigert – er wurde damals noch dem Umkreis des Leonardo-Schülers Giovanni Antonio Boltraffio zugeschrieben – ein für damalige Verhältnisse einigermaßen angemessener, fast schon überraschend niedriger Preis also (vielleicht wollten die das schirche Trum einfach loswerden). Von da an war er in ‚amerikanischem Privatbesitz und wurde 2005 von einem Konsortium verschiedener Kunsthändler erworben, darunter der New Yorker Robert Simon.‘ , soweit in aller Kürze die Wiki. Robert Simon? Konsortium? Hm? Klingelt’s schon? Ja ja, von da an ging es dann richtig los. Der oben bereits zitierten Ausgabe des Kurier lässt sich auch der ungefähre Preis entnehmen: weniger als 10.000 Dollar. Und die drei Kunsthändler, so erfahren wir weiter, wären drauf und dran gewesen, die Echtheit des Gemäldes zu beweisen, das sie als „Leonardo-Kopie“ erworben hatten. Das Bild war jedoch in äußerst schlechtem Zustand. Und jetzt raten Sie mal, wer für die „Wiederherstellungsarbeit“ engagiert wurde! Ah, Sie können es sich schon denken. „Tatsächlich müsste man die Restauratorin Dianne Modestini als die teuerste heute lebende Künstlerin bezeichnen“, so Tom Campbell, Ex-Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York.

Der erste richtig fette Deal wurde vom Auktionshaus Sothebie’s abgewickelt, das Bild ging an an den Händler Yves Bouvier [Betreiber von Zollfreilagern für Kunstgegenstände, Anm.], angeblich um 80 Millionen US-Dollar. Der verkaufte es (neben einer ganzen Menge anderer Kunstwerke) noch im selben Jahr weiter an den russischen Sammler Dmitri Jewgenjewitsch Rybolowlew, immerhin schon um 127,5 Millionen US-Dollar (Herr Rybolowlew war dann in der Folge übrigens gar nicht mehr erfreut über seine Geschäftsbeziehungen mit Herrn Bouvier). Schließlich nahm sich das Auktionshaus Christie’s des Werks an und nun lag alleine der Schätzpreis bereits bei 100 Millionen US-Dollar. Der Rest ist Geschichte und das Gemälde ging ratzfatz für rund 450,3 Millionen US-Dollar – umgerechnet etwa 382 Millionen Euro – über den Ladentisch (oder, wie ich noch immer ab und zu mal ganz gerne kalkulier‘, circa 5,3 Milliarden Schilling, für ein Bild im Format 66 x 46 cm. Na, grüß Gott!). Die weitere Spur des Salvator, so wird gemunkelt, führt nach Abu Dhabi, wie praktisch, das wäre dann schon mal das erste Prunkstück für den neuen Louvre. Tja, so läuft das heutzutage.

An dieser Stelle darf ich nachträglich ein kleines Update einfügen: Tatsächlich scheint der Käufer aus Saudi Arabien zu stammen – ’nach Erkenntnissen amerikanischer Geheimdienste‘ (OÖ Nachrichten vom 09.12.2017) wurde es von Kronprinz Mohammed bin Salman erworbern. Hedopunk gratuliert dem glücklichen Käufer sehr herzlich.

Dabei wollen wir es schachereigeschichtlich vorerst bewenden lassen. Falls Sie sich dennoch näher mit den Mechanismen eines inzwischen weitgehend hermetischen Kunsmarkts beschäftigen wollen, kann ich Ihnen nur abermals ‚Geld frisst Kunst | Kunst frisst Geld‘ von Markus Metz und Georg Seeßlen empfehlen. Ich habe dieses von den beiden als Pamphlet bezeichnete Buch (ich würde es mittlerweile eher als Standardwerk ansehen) schon einmal erwähnt und werde das wohl noch öfter tun. Die Lektüre ist äußerst erhellend – da können Sie mich ruhig beim Wort nehmen. Vom bösen Kunstmarkt bekommen wir aber ohnehin genug Mediales um die Ohren gehauen. Auch die Provenienz des Salvator lassen wir außen vor, die ist sowieso ungesichert, außerdem findet sich immer irgendjemand, der alten Ramsch kauft und überdies bin ich der Meinung, in diesem Fall ist es weitaus zielführender das fromme (Mach-)Werk selbst einmal näher unter die Lupe zu nehmen. Also widmen wir uns doch der Kunst!

Hierzu möchte ich Ihnen zunächst einmal eine hübsche Kollektion von Augen vorlegen (und komme mir dabei schon fast ein Bissl wie der bemitleidenswerte Gentechniker aus Blade Runner vor [dem ersten Teil von Ridley Scott aus den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts] Sie erinnern sich: „Ich nur mache Augen, nur Augen…ich auch gemacht dein Augen…gute Qualität…“). Das sind jetzt allesamt Augen von Werken Leonardo da Vincis und davon etwas abgesetzt die Glupscher vom Salvator, bei deren Anblick Frau Modestini, dann restlos überzeugt war, die Handschrift des Meisters zu erkennen.

Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei (public domain) außer Lateral eye and orbit anatomy with nerves by Patrick J. Lynch, medical illustrator, derivative work: Anka Friedrich (talk) – Creative Commons Attribution License: CC BY 2.5. Remixed by MxO

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Ich darf kurz ein wenig ausholen, da es mir für die weitere Betrachtung wichtig erscheint sich stets eines vor Augen zu halten: Wir sprechen von der Renaissance, der Wiedergeburt also, und zwar jener der Antike. Die Meister der neuen Epoche (Meisterinnen, zumindest in der Malerei, gab es damals leider noch keine) strebten nach nichts weniger als der ‚Wiederbelebung der kulturellen Leistungen der griechischen und römischen Antike‘ (Wikisprech, lieb, nicht?), ja sie trachteten gar danach ihre antiken Vorbilder zu übertreffen, was sich innerhalb der bildnerischen Zünfte unter anderem in einer intensiven Beschäftigung mit Geometrie und Naturbeobachtung niederschlug (nebst Architektur, Technik, Naturwissenschaft, Philosophie und weiß der Teufel was sonst noch allem). Da war eine regelrechte Revolution im Gange nach dem Mittelalter. Sämtliche sichtbaren Erscheinungsformen der Welt konnte man neuerdings im Prinzip auf geometrische Grundformen zurückführen, sie quasi einer mathematischen Ordnung unterwerfen und plötzlich mit den Mitteln der Perspektive in räumliche Beziehung zueinander setzen. Im Prinzip, wie gesagt.

Es bedurfte allerdings wahrer Meisterschaft, vor allem in der Bildkomposition, um nicht einem faden Schematismus, respektive blutleeren Formalismus zu verfallen und eines profunden Studiums der Natur sowie eines ebenso routinierten wie raffinierten Umgangs mit Licht und Schatten um diesen Bildwerken Leben einzuhauchen (und nicht zuletzt hat auch dazumals ein kleines Bisschen Inspiration nicht schaden können, also… ein Achterl… oder zwei… oder so… Roten aus der Toskana vielleicht). Zahlreiche erhaltene Zeichnungen von da Vinci, Michelangelo, Tizian, Raffael, Dürer, Holbein und anderen zeugen davon. Die haben sich echt den Arsch aufgerissen, um ein Bild zustande zu bringen. Womit wir wieder bei den Äuglein wären, wo, wie ich finde, die Errungenschaften der Renaissance sehr einfach und deutlich abzulesen sind.

Ein Auge war für einen Renaissancemaler zunächst nichts anderes, als das, was es im Wesentlichen ja auch ist: ein annähernd kugelförmiges Gebilde, in die Augenhöhle einbettet und oben und unten von je einem Lid umschlossen. Recht simpel, möchte man/frau/kind vielleicht meinen. Um aus aus der sphärischen Grundform jedoch so etwas wie einen flüchtigen Blick zu zaubern, einen spezifischen Ausdruck, Anmut, ein Fenster zur Seele (und sei dieses auch ein sinistres), musste einer schon tief in die Trickkiste greifen und generell etwas auf dem Kasten haben. Sonst wäre die Menschheit wahrscheinlich mit ebenso vielen Renaissance-Meistern „gesegnet“ wie heutzutage mit Verkäufern von bescheuerten Finanzderivaten (wobei ich sagen muss, dass die bewundernswert hartnäckig sein können, und wo haben die alle ihren Grundkurs in angewandter Psychologie absolviert?). Wenn Sie die oben abgebildeten Sehapparate einmal näher betrachten möchten, wird Ihnen vermutlich auch die große Variationsbreite im Ausdruck auffallen, trotz der hohen Treue zur Anatomie des menschlichen Auges. Demgegenüber nimmt sich das G’schau vom Salvator mundi halt schon recht dürftig aus. Vorsichtig ausgedrückt. Da schwimmt ein Paar schlampig hingepinselter Guck irgendwie in einem schwammigen Gesicht, flach, schief, das eine größer, das andere kleiner und man/frau/kind macht sich beinahe ein wenig Sorgen um den guten Heiland, was ihm wohl über die Leber gelaufen sein könnte, dass er so belämmert dreinschaut. Ah, jetzt versteh‘ ich. Der Meister wollte etwas bestimmtes ausdrücken, hat sich etwas herausgenommen… künstlerische Freiheit… ein Anfall von Genie! Ja? Tatsächlich? Oida, der Leonardo hat unter ziemlich heftigen Bedingungen Leichen zerlegt, pardon, menschliche Körper seziert (30 Stück), um ihre Anatomie zu studieren (das hat der Klerus damals nämlich gar nicht so gerne gesehen und das kunstvolle Schnippeln nur an Leichnamen von Hingerichteten und Selbstmörder*inne*n geduldet). So eine Patzerei hätte der nicht einmal einem Gehilfen durchgehen lassen!

Wenn wir schon bei der Anatomie sind: Hat sich irgendjemand eigentlich schon die rechte Schulter auf dem Bild angesehen, also die rechte von Ihnen aus gesehen, über der so ein blauer Fetzen hängt? Was fehlt dem Ärmsten, hat der etwa ein Gebrechen, eine Missbildung gar – vom Tragen schwerer Balken, immerhin war der Jesus ja gelernter Zimmermann, von Josef ausgebildet, oder? Das sieht gar nicht gut aus. Noch schlimmer wird es, wenn man/frau/kind die beiden Schultern vergleicht, da wäre dringendst der Medicus zu konsultieren. Und der Hals, Jessas! Hört der links und rechts eigentlich auch mal auf, oder geht der unter der Lockenpracht einfach weiter? Dagegen ist der gestählte Nacken von Henry Rollins ja ein Schwanenhals. Des Gesalbten Hals ist ja breiter als sein Kopf! Und unterhalb des Halses wird es dann noch seltsamer. Da zeichnet sich der Ansatz eines schönen Paares weiblicher Brüste ab und dann… huch… fällt das Ganze unterhalb der goldverzierten Bordüre einfach flach ab, als wäre aus einem Silikonbusen die Füllung abgedampft. Da Vinci? Echt jetzt?

Und wo wir schon beim Gewand angelangt sind. Da hat sich jemand offensichtlich eine Menge Mühe gemacht, und bemüht sieht er auch aus, der Faltenwurf. Es reicht halt doch nicht ganz eine Stofffalte an die an andere zu reihen, brav und fleißig zu schattieren und das Ganze dann halt einfach zusammenzuwurschteln, bis das halbe Bild irgendwie angefüllt ist mit blauen Schlangenlinien. Zu dumm auch, dass da Vinci ein wahrer Könner in dieser speziellen Disziplin war und auch so einiges an Faltenwürfen hinterlassen hat – zufällig auch die eine oder andere Vorstudie für einen möglicherweise in Planung befindlichen Salvator mundi. Stellen wir zu Ihrem geschätzten Gustieren einfach eine Abbildung davon neben einen Ausschnitt des Angeblichen und daneben auch noch einen Ausschnitt der Mona Lisa… und gleich darunter am besten auch noch eine Abbildung der Verkündigung – ein frühes Werk Leonardos und eine Kollaboration mit (unter anderem) Andrea del Verrocchio, seinem Lehrer, das sehr eindrücklich zeigt, was der fetzentechnisch so alles drauf hatte.

Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei (public domain). Remixed by MxO

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Ich hoffe es ist ersichtlich, worauf ich hinauswill. Dass nämlich die Falten der Gewänder in der Renaissance keineswegs einem dekorativen Selbstzweck gehorchten sondern stets dazu dienten den darunterliegenden Leibern glaubhaft Volumen zu verleihen, Dynamik innerhalb des Bildes zu erzeugen, zu dramatisieren, Bildteile, ja ganze Figurengruppen rhythmisch zu verbinden, von der christlichen Ikonografie und Farbsymbolik einmal ganz abgesehen. Da geht es ans Eingemachte, dagegen sind die beseelten Augen eine vergleichsweise einfache Übung. Nicht ohne Grund wurden selbst die Maler der Oberliga, von Leonardo da Vinci bis Albrecht Dürer nicht müde detaillierteste Studien anzufertigen, bevor es ans kostbare Tafelbild ging. Man verliert da schnell den Überblick. Außerdem hat das Anfertigen von Zeichnungen, von Kartons auch noch einen weiteren Vorteil. So lassen sich zeitraubende und mühselige Arbeiten, wie das Übertragen des Motivs auf den Malgrund, an Schüler und Gehilfen delegieren.

Kommen wir kurz zur Hand, der segnenden. Darüber wurde ja so einiges an Schwärmereien laut. Nun ja, die ist gar nicht so schlecht. Die räumliche Stellung und Modellierung des Mittelfingers, vor allem des letzten Fingerglieds, ist zwar falsch, auch der Daumen ist, trotz Pentimento, nicht gerade als gelungen zu bezeichnen, die Hautfalte am Daumenansatz schlecht beobachtet, am Handgelenk finden sich auch ein paar seltsame Wülste, die dort nichts verloren haben, aber insgesamt – naja, ganz solide, ein Bisschen steif vielleicht und recht akademisch. Vergleichen Sie hierzu einige der Hände in anderen da Vinci-Gemälden, wenn Sie möchten – jene der Mona Lisa, der Dame mit dem Hermelin, der Felsgrottenmadonna. Da mangelt es nie an einer gewissen Lockerheit, Anmut und Raffinesse (ist alles hier im Werkverzeichnis der lieben Wiki zu finden). Ich darf hier nochmals Frank Zöllner zitieren, der dazu meint: „Es wird immer die Segenshand angeführt. Die ist so wächsern und auch ein Bisschen fad gemalt. Es gibt x Schulgemälde, wo genau solche wächsernene Hände gemalt sind.“ Belassen wir’s dabei.

Nur ganz kurz noch zu einem anderen Aspekt der segnenden Hand: der Beleuchtung. Den Schattenpartien nach zu urteilen müsste das Licht in einem steilen Winkel von oben links einfallen, und die Lichtquelle sich sehr weit seitlich, schon beinahe hinter der Hand befinden. Bei Gesicht und Brust hingegen scheint das Licht von etwas weiter vorne links und von weniger weit oben einzufallen. Zieht man/frau/kind die Glaskugel in der anderen Hand zurate, fallen einem/einer drei kleine weiße Punkte auf, die wohl Lichtreflexe darstellen sollen. Diese wiederum lassen auf drei punktförmige Lichtquellen, wie beispielsweise Kerzenflammen, schließen, allerdings befinden sie sich schon so weit in der Mitte der Kugel, dass sich abermals ein anderer Winkel des Lichteinfalls ergibt (nämlich schon beinahe direkt von vorn) und sich die Ausleuchtung der segnenden Hand gar nicht mehr erklären lässt. Die Reflektionen auf den Edelsteinen fallen dann wieder etwas anders aus, jene in den Augen wiederum völlig anders und auf die Schulter rechts, eh klar, knallt das Licht voll drauf. Rätsel über Rätsel. Ah jetzt weiß ich’s: Die drei Lichtpunkte auf der „Kristallkugel“… aber sicher… das ist symbolisch gemeint… das ist die heilige Dreifaltigkeit. Da schweben der Vater, der Sohn und der heilige Geist als Lichtgestalten über das Weltenrund.

Oder es passt halt schlichtweg alles vorn und hinten nicht zusammen. Nur nebenbei bemerkt: Die Maler der Renaissance haben, was Licht betrifft, übrigens bereits vor über fünfhundert Jahren in den allermeisten Fällen das beherzigt, worauf gute Fotografen auch heute immer noch gerne zurückgreifen: schlichte Eleganz. Was so viel heißt wie: eine Hauptlichtquelle und gut is‘. Auf die Glaskugel selbst möchte ich nicht näher eingehen, das sieht nach mehr aus als es ist, nämlich im Grunde eher billige Effekthascherei. So etwas ist relativ einfach zu bewerkstelligen und schindet Eindruck. Glänzende und glitzernde Glasobjekte lassen sich immer gut verkaufen (sonst wäre der Riesenerfolg mit dem kitschigen Swarovski-Klimbim wohl kaum zu erklären). Dafür ist die Hand, die die Kugel hält, so stümperhaft in die rechte untere Ecke des Bildformats gequetscht, dass man/frau nur schwerlich an die Komposition eines Renaissance-Meisters glauben möchte. Und die Komposition obliegt in jedem Fall dem Meister selbst, auch wenn das Gemälde von Gesellenhand ausgeführt werden sollte, weil vielleicht der Auftraggeber gerade schlecht zahlt. Gell?

Ich könnte mich jetzt noch endlos über andere Details des Gemäldes auslassen, wie die Haare, die zwar mit einigem Aufwand gemalt, dennoch schlecht rhythmisiert sind und stets ein wenig hölzern erscheinen, wie zweitklassiges Schnitzwerk von Engelslöckchen, und die nie soweit „transzendieren“, wie manche Freaks das ausdrücken, dass die Malerei den Eindruck echten Haars vermitteln würde, oder über den hochgelobten Zierrat am Gewand des Salvator – seien Sie mir nicht bös‘, aber das ist reines Kunsthandwerk! Das soll jetzt keine Geringschätzung von Kunsthandwerk sein, aber dafür braucht es keinen Meister der Hochrenaissance, der dann noch dazu den Rest des Gemäldes komplett verhaut. Oder darüber, dass ich mir eigentlich eine profunde chemisch technische Analyse des Gemäldes erwartet habe, eine entsprechende Publikation ist noch ausständig, soweit ich weiß. Na, egal, Chemie ist ohnehin nicht mein Ding, da steig‘ ich immer sehr schnell aus… ah, jetzt fällt mir doch noch was ein: das Krakelee oder auch Craquelé, das feine Muster von Rissen auf der Oberfläche alter Ölgemälde. Dieses habe beim Salvator mundi laut Frau Modestini ja so haarklein mit jenem der Mona Lisa übereingestimmt, dass jeder noch so kleine Zweifel ausgeräumt sei. Nur zu dumm, dass nach der Restaurierung jetzt nichts mehr davon zu sehen ist (d.h. Sie sehen schon etwas, wenn Sie die richtigen Bilder im Netz finden [hier, z. B.]. Nur sehen die Sprünge in der Farbschicht dann eben ganz und gar nicht so aus wie jene der Mona Lisa).

Ich will Sie nicht weiter langweilen, in postfaktischen Zeiten ist es möglich einfach alles verkehrt herum auszulegen, Tatsachen zu Tode zu relativieren, haltlose Behauptungen so lange über die Medien zu verbreiten, bis die twitternde Mehrheit nicht mehr weiter nachfragt, der Scheiß endlos über soziale Medien vervielfältigt und so etwas wie der Salvator mundi schließlich zum Instagram-Knaller wird (auf den kleinen Bildchen-Postings kann dann sowieso niemand mehr was erkennen).

Deswegen komme ich lieber zu meinem Killer-Argument, na, sagen wir lieber simplen Beweis. Ja, Sie haben richtig gehört. So einen gibt’s in diesem Fall, da fährt die sprichwörtliche Eisenbahn drüber. Das Ganze ist auch leicht verständlich, selbst ohne einschlägiges Expertenwissen und es hat einen großen Vorteil. Es ist messbar. Yeah, Baby! Wie Ihnen wahrscheinlich schon aufgefallen ist, ist dem heutige Beitrag eine launigen Kollage vorangestellt. Sie können diese gerne als sarkastischen Scherz auffassen, jedoch durchaus auch als seriöse Fragestellung. Alles, was man/frau/kind als Rüstzeug dazu braucht, ist ein Grundkurs im Zeichnen, wie er einem/einer im Schulunterricht, im Internet, in jedem Einsteiger-Buch für (Hobby-)Künstler*inn*en, zukünftige Mangaka oder andere Enthusiast*inn*en geboten wird.

Das (hoffentlich) erste, was einer/eine beim Zeichnen von Köpfen erlernt, ist die Fähigkeit die Proportionen richtig einzuschätzen. Dafür gibt es eine Faustregel samt einfacher Anleitung. Ich gebe Ihnen einen Mini-Crashkurs: Zeichnen Sie einen Kreis, darunter mit wenigen Strichen die Kinnlade dran – wurscht jetzt, wie das ausschaut – und teilen Sie den so gezeichneten Umriss Ihres Kopfs mit einer waagrechten Linie möglichst genau in der Mitte. Auf der Linie zeichnen Sie dann die Augen ein. Aus. Das war’s schon wieder. Natürlich gibt es dann noch weitere Möglichkeiten Kopf und Gesicht mit Linien zu unterteilen und damit die korrekte Position von Nase, Mund, Ohren, Augenbrauen usw. zu bestimmen, aber wir belassen es bei der ersten einfachen Regel. Die Augen teilen den Kopf in zwei gleich hohe Hälften – von der Unterkante des Kinns zur Pupille und von der Pupille bis zum obersten Punkt des Schädels (vom Scheitel bis zum Kinn sind die Augen mittendrin, wenn man/frau/kind so will). Das isses. Und zeichnen Sie auch nach der Natur! Dann werden Sie ganz von selbst immer besser darin.

Ja, ja, ich weiß. Das ist langweilig und akademisch, es gibt da unendlich viele Möglichkeiten von diesem Schema abzuweichen. Sie könnten ja Expressionist*in sein oder Karikaturist*in, Cartoonist*in. Die Kunst ist frei und die Ausdrucksmöglichkeiten endlos. Davon ist aber hier nicht die Rede. In diesem Beitrag geht es um das angebliche Werk eines der wichtigsten Vertreter der Hochrenaissance. Der war in einer anderen Abteilung, in der Mensch-ist-das-Maß-aller-Dinge-Abteilung nämlich und wird sich wohl kaum einen gröberen Fehltritt in einem Tafelbild erlaubt haben, einem Werkstück, für das in der Regel mehrere Jahre Arbeit aufgewendet wurden.

Okay, probieren wir eine andere Variante: Sagen wir, der obere Teil des Kopfes ist gar nicht zu kurz, sondern Kinn und Nase sind zu lang. Nun ja, das ist dann g’huft wie g’hatscht, wenn Sie mir ein wenig lokalen Slang gestatten. So kommen wir auch nicht weiter. Und ja, sicher, Sie haben recht, anatomisch betrachtet ist die Regel nicht hundertprozentig korrekt, eigentlich ist bei einem realen Schädel die obere Hälfte einen Tick kürzer. Geschenkt. Wissen Sie auch um wieviel? Sagen wir um rund ein Prozent? Dazu gibt’s ja auch die Faustregel (oder Daumenregel, wenn Ihnen das lieber ist) so haben Sie noch eine kleine Reserve für die Haare, die nämlich haben, auch wenn Sie eng ans Haupt angeklatscht sind, ein gewisses Volumen. Haarspaltereien bringen einen in der Kunst nicht weiter. Teilen Sie den Kopf einfach in zwei gleiche Hälften ein, und Sie sind auf der sicheren Seite :). Ich verrate Ihnen trotzdem an dieser Stelle noch ein kleines Geheimnis: Unter Connaisseur*inn*en ist es eher üblich die Proportionen ein wenig in die andere Richtung zu übertreiben. Nur ein kleines Stückerl. Das sieht besser aus und entspricht eher den klassischen Proportionen.

Was gäbe es noch an Möglichkeiten? Ah, es handelt sich um ein Frühwerk des Meisters. Da war er halt noch nicht ganz sattelfest. Das könnte gehen. Solche Werke werden umgangssprachlich mitunter gerne als Pubertätskitsch bezeichnet. Das sind Zeichnungen und Malereien von Heranwachsenden, deren künstlerische Skills noch nicht ganz ausgereift sind, die aber eine gewisse Genialität erkennen lassen. Die lieben Eltern sind dann ganz baff, was der Sprössling plötzlich hervorzubringen imstande ist. Oft sind das Werke von hohem Detailreichtum und bestechendem Realismus und interessanterweise zumeist ziemlich unproportioniert. Frühwerke von großen Künstlern sind äußerst selten und dementsprechend hoch dotiert. Da wären die 450 Mios schon fast wieder als preiswert zu bezeichnen. Das wär‘ doch eine Sensation – ein echtes Jugendwerk vom Leonardo! Dumm nur, dass der Salvator mundi auf etwa 1500 datiert wurde (was auch zeitlich eher mit den dazu vorhandenen Studien übereinstimmt), also zwischen Dame mit dem Hermelin und Mona Lisa. Das geht sich dann gar nicht aus, da hat der nämlich schon voll abgerockt.

Jetzt weiß ich’s, einer seiner Schüler hat’s vergeigt! Äh, nein, wohl kaum. In der Renaissance-Malerei ging dem Hauptteil der Arbeit, bei dem die Ölfarbe in unzähligen feinen Lasuren aufgetragen wurden, stets eine Untermalung voraus, bei der, üblicherweise in Tempera-Malerei und vom Meister selbst, sehr exakt die Konturen und, zumindest in groben Zügen, die Licht- und Schattenpartien festgelegt wurden. Um 1500 herum stand der Leonardo noch voll im Saft, da wäre wohl kaum so eine Schlamperei von Schülerseite durchgangen. Da hätt’s eher ein paar Tachteln gegeben des verschwendeten kostbaren Malgrunds wegen (naja, vom lieben Leonardo vielleicht eher nen Klaps auf’n Po ;).

Hm, dann gäbe es da natürlich noch perspektivische Verkürzungen durch die jeweilige Neigung des Kopfes. Schon klar. Nur ist der Salvator mundi blöderweise pfeilgerade en face, also von vorn, dargestellt. Dumme Sache. Doch, wie konnte ich das vergessen, finden sich auch unter den Renaissancemalern wahre Expressionisten, wie Mantegna, Grünewald oder später Bruegel, die Maler der Spätrenaissance, des Manierismus. Und selbstverständlich wurde auch im 15. und 16. Jahrhundert die Kunst der Karikatur in Form grotesker Zeichnungen gepflegt (nicht zuletzt von da Vinci selbst). Da sind dann schon ab und an expressive Verzerrungen der Proportionen drin, die sind dann einfach dem starken Ausdruck geschuldet, sogar zu Leonardos Zeiten. Das will ich gar nicht bestreiten. Aber auch da nur mit gutem Grund und selbst dann bleibt fraglich, in welchem Ausmaß?

Beim Salvator mundi – ich habe nachgemessen – sind es gut 15 Prozent, in Worten F Ü N F Z E H N, die da fehlen an der Schädeldecke (von Hälfte des Kopfs ausgehenend gerechnet). Das ist schon ein Bissl viel, finden Sie nicht? Die Herren Meister waren da eigentlich ziemlich pingelig zur Zeit der Renaissance. Und welchen Grund, welche gestalterisch Absicht sollte Leonardo da Vinci gehabt haben, die Gehirnkapazität des Weltenheilers so drastisch zu reduzieren? Ah, jetzt wird mir alles klar. Wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen? Outsourcing! Der gute Mann aus Nazareth muss ja gar nicht alle beisammen haben, um die Welt vor dem Übel zu retten. Da gibt’s ja immer noch den Vater im Himmel und diese komische weiße Taube, und dann hätten wir da noch die zwölf Apostel, da muss einer als Messias sein kleines Hirnkastl nicht groß anstrengen. Na bitte – geht doch auch mit einem kleineren Kopferl.

Ich darf also zusammenfassen. Wir, die Weltöffentlichkeit (also die Zuseher aus  Entenhausen, Junckersdorf, Putingrad und den umliegenden Gemeinden), bekommen einen uninspiriert und schlampert gemalten, schasaugerten und gehirnamputierten Herrgott mit einer verkrüppelten Schulter, einem Stierg’nack und dem Dekolleté einer Kellnerin vom Oktoberfest vorgesetzt – das Ganze aufgeputzt mit ein Bisserl Bling Bling – und sollen das jetzt als ein Werk aus der Hochphase Leonardo da Vincis schlucken (und bitte, liebe Münchner Restaurantfachfrauen, verzeihen Sie mir den Ausrutscher, ihr Beruf ist bestimmt ein ehrbarer und fürwahr kein Honiglecken). Sehr geehrtes Dreier-Konsortium, hochgeschätzte Restauratoren, erlauchte Auktionshäuser, ehrenwerte Experten…

FÜR WIE DEPPERT HALTET IHR UNS EIGENTLICH?!

Genug geschimpft, werte Hedopunk-Leserin, werter Hedopunk-Leser. Falls Sie bis hierher durchgehalten haben, können Sie diesen Beitrag auch getrost als Expertise zum Salvator mundi sehen – eine der wenigen seriösen, wenn nicht die einzig seriöse, wage ich nicht gänzlich ohne Stolz zu behaupten und noch dazu gratis. Sollten Sie der Käufer sein oder gar mit dem Gedanken spielen das Werk zu kaufen (vielleicht lässt sich der Besitzer ja für den Preis von einer Milliarde US-Dollar erweichen), drucke ich Ihnen auch gerne so einen Wisch aus. Schreiben Sie mir doch einfach eine Mail an monsieur.o@women-at-work.org, vielleicht überlegen Sie es sich dann doch noch anders mit Ihrem Kauf. Ein kleines Pentimento :)? Wir können für die Expertise auch ein Honorar vereinbaren – ich streiche dann auch die garstigen Worte für Sie aus dem Text raus, versprochen – das fällt dann garantiert niedriger aus als die Gebühren bei Christies und Sie ersparen sich dadurch mindestens ein paar hundert Millionen und die Peinlichkeit einer Fehlinvestition. Also wenn ich der Kronprinz wäre, ich glaub‘, ich würd‘ das Ding einfach reklamieren und zurückschicken. Geht das bei Christie’s? Bei Amazon geht das immer, hab ich mir sagen lassen.

Whatever, lassen wir an meiner statt den Meister quasi selbst die abschließenden Worte in diesem Beitrag sprechen. Er möge mir – wenn irgend möglich – posthum verzeihen, ihm diese in respektloser Weise gleichsam in den Mund und über sein noch dazu zurechtgestutztes Selbstbildnis zu legen (im Grab umgedreht hat er sich spätestens nach der Christies-Versteigerung ohnehin schon). Übrigens ist auch diese Rötelzeichnung als Selbstporträt da Vincis stark umstritten (nicht ganz zu unrecht, wie ich finde). Mir ist das egal, ich mochte die Grafik immer sehr gerne, habe sie schon richtiggehend lieb gewonnen und würde sie durchaus seinem Werk zurechnen wollen. So blickt meiner Ansicht nach ein Mann auf die Welt, der, nach einem Schlaganfall stark gealtert, gegen Ende seines Lebens der Möglichkeit gewahr wird, dass all seine Mühen wohl vergebens gewesen sein könnten. Gehen Sie doch in die Wikipedia und sehen Sie sich die Reproduktion der Zeichnung in hoher Auflösung und ohne Anschnitt an! Beachten Sie die – trotz lockerer Strichführung und sensibelster Darstellung der Physiognomie – unglaubliche Konsequenz und geometrische Strenge des Bartes, der sich wie eine Säule oder ein Kegelstumpf aus übereinander geschichteten Tori auftürmt – ohne dass dies auf den ersten Blick zu bemerken wäre – und in einem Antlitz gipfelt, das die grenzenlose Melancholie eines Gelehrten- und Künstlerlebens auszudrücken vermag! Schwelgen Sie im Genuss des Werks eines wahren Meisters seines Fachs und sinken Sie in süße Schwermut! Und vertrauen Sie nicht mir, trauen Sie Ihren Augen ;)!

Ach Gottchen…

Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei (public domain). Remixed by MxO

(zum Vergrößern ins Bild klicken)

 

 P.S.: Ach ja, und Ihnen allen jetzt schon einen guten Rutsch ins 18er Jahr, das 17er war eh für’n Arsch, oder?

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)

Filmkritik zu Paul Verhoevens Elle

Blitzverriss vom 11.12.2017

Elle (2016), Regie: Paul Verhoeven

Selten so einen blöden Film gesehen – so albern, dass man ihn sich glatt bis zum Ende ansehen muss :).

Ach Gottchen…

Hm, schade… wegen Isabelle Huppert – die kann, so scheint es, einfach alles spielen, sogar den größten Stuss. Was für eine Verschwendung! Vielleicht sollte die begnadete Actrice besser auf die Auswahl Ihrer Regisseure achten, immerhin hat es ja auch Michael Haneke – trotz ihrer maßgeblichen Mitwirkung – geschafft, Elfriede Jelineks ‚Die Klavierspielerin‘ zu verkacken. Und noch bedauerlicher wegen Paul Verhoeven, der war einer von den ewig verlässlichen. Da bleibt einem als Trostpflaster vielleicht nur mehr ‚Geheime Staatsaffären‘ nochmal anzuschauen, der ist echt solide, recht arg und von Claude Chabrol mit Madame Huppert so besetzt, wie es ihr wirklich gut steht. Find‘ ich halt.

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)