Filmkritik zu Jim Jarmushs Gimme Danger

Blitzverriss vom 15.05.2017

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Gimme Danger (2016), Buch & Regie: Jim Jarmush

Der Film war net so b’sunders, aber die Titelschriften waren echt super!

Ach Gottchen…

Obwohl: Wer die STOOGES-Story noch nicht kennt oder – so wie ich – nur teilweise, der/dem sei dieser Streifen wärmstens ans Herz gelegt. Mag schon sein, dass das Dokumentarfilmfach nicht des von mir unbedingt und bedingungslos hochverehrten und über alle Maßen geschätzen Herrn Jarmushs Sache ist – wobei das noch dazu, glaube ich, seine erste Doku ist, kann mich zumindest an keine andere erinnern und mich freut’s jetzt nicht nachschauen – und das Ganze zusammengefaked, -geschnipselt und -gepickt ist, was das Zeug hält, trotzdem… alleine schon wegen der Geschichte mit den Eltern vom Herrn Osterberg und der Sache mit dem Wohnwagen und dem Schlagzeug… also wer so viel Liebe abbekommen hat, der entwickelt einfach einen gepflegten Pascher, aus dem muss einfach was G’scheites werden. Ein gelungener Mensch halt. Und überhaupt würde ich das eher als Fanzine im Filmformat bezeichnen. So, mehr verrate ich jetzt aber auf gar keinen Fall. Auf alle Fälle ins Kino gehen oder DVD kaufen oder Bluray oder Download oder was auch immer, viel Spaß!

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)

Verspätete Osterh@serl · Teil 2

21st Century Man vom 08.05.2017 / → Teil 1

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Bliebe nun noch die Sache mit dem alten Palmers-Plakat, das mit den Strümpfen. Wie bereits angesprochen, das sieht grundsätzlich sehr ähnlich aus, aber eben nur grundsätzlich. Es zeigt ebenfalls junge Frauen auf dem Bauch liegend, allerdings fünf und ein wenig ältere als ihre upgedateten Kolleginnen (was die Reaktionen auf die neue Version betrifft, habe ich übrigens den Sager von Nina Horacek, Journalistin beim Falter, am lustigsten gefunden, die das neue Sujet als „verhungerten Kindergeburtstag“ bezeichnet hat) und um einiges entspannter. Sie liegen auf einer undefinierbaren, weißen, seidenen Unterlage, wie auf einem großen Bett, ein paar Kissen sind auch mit im Bild. Die Kameraposition ist anders, etwas weniger von oben herab. Alles ist sehr sorgfältig durchkomponiert und wirkt trotzdem wie ein zwangloser Plausch unter Freundinnen. Die Modelle unterscheiden sich voneinander in ihren Posen und Hautfarben oder Skintones, wie der/die Werbefachmann/-frau das wohl bezeichnet, sie liegen nicht da wie in eine Sardinenbüchse geschlichtet, da ist alles schön variiert, nicht ohne eine gewisse formale Strenge – professionelle Werbefotografie halt. Und sie sind dabei ziemlich nackt, sie tragen, von einer Ausnahme abgesehen, ausschließlich dünne Nylonstrümpfe und -strumpfhosen und darunter… gar nichts. Das wirkt schon recht pikant, wenn Sie mich fragen, allerdings ohne dass da der Jugendschutz einschreiten müsste, dazu ist das Ganze einfach viel zu geschickt gemacht und auch zu nett. Und der kulinarische Vergleich kommt mir nicht ungelegen, einen solchen hat auch der seinerzeit mit der Kampagne betraute Kreativ-Direktor Christian Satek gebracht, indem er in einem Interview mit der FAZ meinte, die Frauen auf dem Foto lägen da „wie Schokoladefinger zum Auswählen“ oder „running Sushi auf dem Laufband“ und eingeräumt hat, das Werbesujet sei „heftig angreifbar“. Damals gab es jedenfalls auch Gegenwehr von feministischer Seite, das gehört sich auch so, wie ich finde. Und doch hat es das Foto geschafft im Jahr 2002 sogar bis in die bürgerliche Hochkultur vorzudringen – als Bühnenbild für eine Don Giovanni-Aufführung – wie passend.

Okay, jetzt sollte ich wahrscheinlich irgendeine politisch korrekte oder besonders unkorrekte Konklusion abliefern, Stellung beziehen. Um ehrlich zu sein, mir ist das zu hoch. Das liebe Wiki definiert Reizwäsche oder Dessous als Kleidungsstücke ‚…die dazu dienen können, den Geschlechtspartner sexuell zu erregen oder auch die eigene Eitelkeit zu befriedigen…‘ und, was ich besonders interessant finde, geschichtlich betrachtet fänden sich laut Wikipedia im 19. Jahrhundert erste Ansätze für diese Kultur (das kennt man/frau vielleicht noch von den Korsagen beziehungsweise deren Weiterentwicklungen). Inzwischen sind wir da schon moderner, jetzt gibt es das auch zum darüber tragen, das nennt sich dann Dessous-dessus, überhaupt ist der Variantenreichtum schier unendlich, das geht von alltagstauglichen Dessous über Fetisch-Kleidung bis zu Reizwäsche für Herren, essbarer Unterwäsche und so fort – soweit mal meine Kurzfassung des Wiki-Beitrags. Na, jedenfalls ist das Ganze in der Regel ziemlich aufwendig in der Herstellung – von String-Tangas mal abgesehen – und muss dann halt anständig beworben werden, damit wir das entsprechend zu würdigen wissen, der Spaß kostet ja auch eine Kleinigkeit.

Was mir jedenfalls auffällt, um nochmals auf die Osterhöschen-Affäre zurückzukommen, die Auslagen und Werbungen beim Palmers, ich weiß nicht recht, mir kommt das in den letzten Jahren so züchtig vor, beinahe schon ein Bisserl fad (obwohl, züchtig macht süchtig ;). Und warum macht’s nicht wieder einmal was mit Herren, der Adonis mit den weißen Socken war doch eigentlich recht originell und charmant, war ich mir einmal mit einer lieben Freundin einig. Da ist halt das entsprechende Feingefühl entscheidend, denk‘ ich, viele Männer sind da oft ein wenig g’schamiger (was aufgrund der Anatomie naturgemäß ziemlich naheliegend ist: Wessen primäre Geschlechtsmerkmale außen herum baumeln, den verlangt es halt vielleicht eher nach ein Bissl mehr Schutz). Und die Dicken werden versteckt, eh klar, na so werdet’s keine neuen Märkte erschließen, von LSBTTIQ-Aspekten erst mal gar nicht zu sprechen. Mir ist schon klar, Verführung und Erotik sind hochgradig subjektiv, da sind halt eine Menge sehr persönlicher Vorlieben mit im Spiel, warum auch nicht? Aber könnte es nicht sein, dass Palmers da zu Ostern mal etwas Neues ausprobieren wollte, so in Richtung Social-Media-Scandalism oder was sie sich eben darunter vorstellen? Da geht halt schnell auch mal eben was in die Hose bei solchen Experimenten. In der neoliberalen Konsumgesellschaft postfaktischer Ausprägung muss daraus ja nicht gleich ein wirtschaftlicher Nachteil erwachsen, was gibt es Besseres als Negativschlagzeilen, oder? Und das kostet dann auch weniger als diese unendlich aufwendigen Hochglanzproduktionen, wo sich ganze Teams von Modefachleuten, Konzepter!inn!en, Fotograf!inn!en, Texter!inn!en, Casting-Agents, Visagist!inn!en, Austatter!inn!en, Art- und Kreativ-Direktor!inn!en und wer weiß noch aller reinknien um etwas Hübsches zu zaubern. So ginge dann allerdings über kurz oder lang wieder mal eine Industrie flöten, wär‘ doch auch schade drum.

Wobei ich mich dann doch immer wieder frage, wie das mit dem Feminismus klappen soll unter kapitalistischen Vorzeichen. Ist das nicht ein Wiederspruch in sich? Bleibt da nicht jedes noch so mutige Vorpreschen in männlich dominierte Gesellschaftsbereiche auf der Strecke, wenn, sofern frau etwas auf sich hält, schon unter normalen Verhältnissen für eine richtig gute Garderobe – also unter Verzicht auf schicke aber ethisch nicht vertretbare Billigklamotten aus Nah- und Fernost – das Monatsbudget einer Kleinfamilie drauf geht, und die wird dann auch noch von der Leistungsgesellschaft vorgegeben, ich mein‘ jetzt nicht die Kleinfamilie, sondern die Garderobe, also die Panier, die Fetzen und die Wäsch‘? Könnte das neue Palmers-Sujet so gesehen nicht auch als – zugegeben recht patscherte – basisdemokratische Solidaritätsbekundung gedeutet werden können: Meine Freundinnen und ich haben alle dasselbe Rüschenhoserl (´tschuldigen, Lace Panties) und kein Problem damit, gibt’s ja eh in verschiedenen Farben? Hm… nein, blöder ging’s wohl nicht mehr, oder? Mir ist das grundsätzlich ja eher wurscht mit den Spitzen und Strapsen, für mich täte es auch ein Baumwollschlüpfer, obwohl ab und zu… ach ja, um auf das Spiel der erotischen Signale – zwischen sublim und frivol – zurückzukommen und auf deren mögliche Umsetzung als revolutionäre Pose im smartphoneaffinen Discounter-Culture-Schick jenseits der boboesk-feministisch dominierten Gender-Mainstreaming-Fadesse (obwohl die ja auch schon wieder etwas für sich hat): Was soll man da sagen?

Also so ab und zu freue ich mich einfach, wenn mal wieder jemand ein Bissl goschert ist, das kann ganz unterschiedlich sein, von echt derb goschert bis lieb goschert bis denzent und fast unmerklich… goschert. Das tut gut. Aber es wäre doch zu bequem die ganze Arbeit einer einzigen Generation zu überlassen – wir alten Analog-Trottel haben’s nicht hingekriegt, jetzt sollen das die Blogger- und YouTuberInnen ausbaden? Und auf den weiblichen Körper und seine textilen Extensionen als Träger fetischisierter Männer- und Frauenphantasmen bezogen fallen mir spontan die folgenden Beispiele aus der Welt der Filmkunst und des Glamour ein, und die haben alle gemeinsam, dass es dazu eigentlich nicht viel braucht außer Grips und Chuzpe.

1980 Grace Jones in One Man Show trug Herrenanzug und Stilettos, darunter nichts. Das Konzept, von Jean-Paul Goude und Grace gemeinsam entwickelt, mittlerweile ein Klassiker, hat damals einer Menge von Leuten, Männern wie Frauen, einen gehörigen Schock verpasst. 1987 Elpidia Carillo in dem Hollywood-Streifen Predator mit militärgrüner Kombi, drunter ein Unterleiberl, verschwitzt, dreckig und ständig Blutspritzer von getöteten Söldnern im Gesicht wirkt, trotz der drastischen Szenen, in ihrer Nebenrolle seltsam anziehend… und echt lieb. 1994 Kate Moss, fotografiert in Schwarz-Weiss von Peter Lindberg und bekleidet mit einer Jeans-Latzhose, darunter nackt, sieht süß aus und trotzig drein in der Baumwollpflückermontur und trotzdem wirkt es so, als würde sie es faustdick hinter den Ohren haben (und als hätte sich Herr Lindberg gerade hinter der Kamera verliebt). 2015 Léa Seydoux in James Bond 007: Spectre – ok, da wird es scheinbar komplizierter, wir sind jetzt beinahe in der Gegenwart angelangt und noch dazu ins tiefste Chauvi-Hinterland, sinnbildlich gesprochen, und auf der Gender-Ebene mitten in einen Generationenkonflikt geraten. Ein schlechtes Beispiel, könnten Sie jetzt nicht ganz zu unrecht sagen. Frau Seydoux spielt eine Psychologin mit Doktorgrad. Die kann mit Schusswaffen umgehen und weiß sich auch ohne Schießeisen gegen die albernen Zudringlichkeiten und Kindereien eines alternden Geheimagenten zur Wehr zu setzen. Ist jemandem aufgefallen, dass ihre Garderobe sehr dezent gehalten ist, geradezu unglamourös für ein Bond-Girl aus den 2010er Jahren? Die meiste Zeit über ist das ganz normale Leisurewear, wie das in unseren Breiten mal geheißen hat, dem Anlass angemessen halt für eine erfolgreiche Therapeutin. Und es wird hier versucht mit einem der hartnäckigsten und nicht totzukriegenden Klischees zu brechen, nämlich dem der hübschen, dummen Blondine. Was zu einem guten Teil auch gelingt. Ja, ja, ich weiß, zum Schluss fällt sie dann doch auf ihn rein (oder umgekehrt?), aber immerhin nachdem sie ihn ein Bisserl erzogen hat, den lieben James (und er sie ein Bisserl g’schreckt). Das klappt halt nicht gleich auf Anhieb perfekt mit der Genderei, noch dazu ist das ein Bond-Streifen, ein zutiefst romantisches Genre. Mich hat’s jedenfalls gut unterhalten.

Das sind jetzt alles schlanke, junge (die Schönheit lassen wir besser mal weg, da die ja im Auge des/der Betrachter(s)/-in liegt) Frauen gewesen, medialisierte wohlgemerkt. Darum geht es meiner Meinung nach auch bei der ganzen Geschichte. Wenn Sie die Biografien der oben genannten überfliegen, werden Sie eine große Differenz zu deren Verkörperungen feststellen und auch ein paar Parallelen. In den Medien wird ausgehandelt, wo wir gerade stehen könnten oder hin möchten, aber das sollte nicht mit den Realitäten verwechselt werden, die sind dann doch noch um einiges umfassender, komplexer, mitunter auch banaler. Seit es Virtualisierungen von Personen in sogenannten sozialen Netzwerken gibt, kommt es da immer mehr zu Verwechslungen und Überschneidungen. Das hat Frau Milborn auch gleich richtigerweise aufgegriffen, indem sie meinte, der Untergriff von Herrn Baumgartner ergäbe in diesem Zusammenhang überhaupt keinen Sinn.

Inzwischen hat sich das richtig ausgeweitet mit den Osterhöschen (wer kommt bloß auf so einen albernen Namen, der könnte glatt von mir sein?), da gibt es eine ganze Reihe Zeitungsartikel, Social-Media-Beiträge, eine Einladung an Herrn B. zu einem Fernsehgespräch und eine Gegeneinladung von ihm an Frau M. zu einem anderen Fernsehsender sowie eine Stellungnahme von der Firma P. (die ist allerdings recht sonderbar, naja, G’schäftsleut‘ halt).

Was mir schön langsam auffällt, und da werden für mich feministische Standpunkte und ein gewisses Insistieren in Detailfragen zunehmend nachvollziehbar, dass immer öfter, wenn es ein gröberes Problem gibt, dieses dann auf einem Nebenschauplatz über den weiblichen Körper ausgetragen wird. Das ist die gleiche Scheiße wie mit dem Kopftuchstreit: Der Herr Kurz springt heldenhaft in die Presche und will entscheiden, was für Frau Soundso gut ist, ob das jetzt ein Kopftüchel sein darf, ein Schleier, Hidschab, Tschador, Niqab, eine Burka, oder was es sonst noch so gibt. Die armen Frauen würden ja genötigt von den Herren. Naja, so werden sie halt vom Staat genötigt. Hauptsache Nötigung, da haben wir unsere Gutachten dafür (und die bleiben selbstverständlich unter Verschluss), so mach‘ ma das, das passt dann schon, nicht wahr? Und derweilen haben wir noch immer monotheistisch geprägte Patriarchate oder Matriarchate – je nachdem, wie man/frau/kind das lieber sehen will – und eine Einkommensschere zwischen Männern und Frauen von… wie viel war das nochmal? Ein Fünftel? Ach so, eh nur satte zwanzig Prozent. Und unbezahlte Hausarbeit. Na, da wäre ich auch angefressen wegen jeder noch so kleinen Stigmatisierung und würde mir vielleicht dann wenigstens ab und zu mal ein edles Stück Lingerie gönnen – so ein raffiniertes – oder ein Eis oder beides. Und überhaupt! Lasst’s endlich mal ordentlich Kohle rüberwachsen – dafür, dass wir eure künftigen Konsumfreaks großziehen – auch den Männern, dann bleiben die gerne auch zu Hause! Und ich sag‘ das, obwohl ich hier immerhin einen Ruf als Sexist zu verteidigen habe.

Ach Gottchen…

So, jetzt ist mir endgültig schlecht vom Schokolade-Osterhasen-Futtern… wer übrigens beim Österhöschen-Sujet bereits die Nase gerümpft hat, sollte sich vielleicht die neue Dessous-Werbelinie von Palmers zu Gemüte führen, die mit den petrolblau getünchten Wänden, so bohème/Schmuddelpuff-stylie (keine Ahnung, wie man/frau/kind da hinfindet, mich macht die Klickerei auf facebook regelmäßig rasend und am nächsten Tag ist eh wieder alles umgestellt), ich check‘ ja echt nicht, was die Blumenbuketts da bedeuten sollen. Ach so, Surrealismus, na, nichts lieber als das. Übrigens wäre ich für fachkundige Berichtigungen sehr dankbar, mein letzter Einkauf beim Palmers ist schon eine Weile her und so ins Schleudern bin ich schon lange nicht mehr bei einem Thema geraten, nächstes Mal schreibe ich lieber wieder was über Männerthemen, vielleicht so etwas wie Bartwichse oder Anti-Schuppen-Schampoo.

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)

Verspätete Osterh@serl

21st Century Man vom 01.05.2017 / → Teil 2

Eigentlich wollte ich ja etwas über Herrn Erdogan schreiben, aber was soll man denn nach solch einem desaströsen Ergebnis dieses sogenannten Referendums noch sagen. Ich meine, sind wir doch mal ehrlich, bei der Proformabefragung für seine Pläne eines de facto ohnehin schon bestehenden Präsidialregimes, nachdem der Mann mit dem verkappten Schneuzer jahrelang seinen Untertanen, Pardon, StaatsbürgerInnen mit Zensur, Massenverhaftungen, Ausnahmezustand, Kunstschändung und anderen üblen Methoden eingebläut hat, wo der Hammer hängt, oder vielmehr, wo Gott wohnt, gerade mal schlappe 51,41 Prozent Zustimmung einzuheimsen ist doch eines Despoten unwürdig. Und das dann auch noch mit getürkten, sorry, geschobenen Doppelstaatsbürgerschaften und ungestempelten Wahlkuverts zu unterfüttern, also bitte. Da heißt’s doch normalerweise ins Winkerl stellen und schämen, oder? Aber au contraire! Da haben die doch tatsächlich vorgestern in der Türkei den Zugang zur Wikipedia gesperrt. Und sonst geht’s euch eh gut? Ja, ja, liebe EU, tut’s ruhig weiter unter der Schirmherrinnenschaft von der Mutti traumatisierte Kriegsflüchtlinge verschachern.

Apropos Menschenhandel, um endlich auf das eigentliche Thema des heutigen 21st Century Man zu kommen, da ist mir doch kurz nach Ostern ein seltsames Elektrobriefchen in die Mailbox geflattert. Ich bin da in so einer Mailing-Liste von einer Initiative, die nennt sich #aufstehn und sieht sich selbst als eine neue Form der zivilgesellschaftlichen Kampagnenorganisation. Bei denen fehlt ein e im Namen, who cares, das ist halt modern jetzt – mit Hashtag vorne dran und so. Bekannt geworden sind die vor allem mit einer Petition gegen Hass im Netz, wo es unter anderem darum geht, dass Journalistinnen sexualisierter Gewalt in Form von Drohungen ausgesetzt sind. Die haben inzwischen schon einige Petitionen laufen und das Praktische daran ist, dass man diese bequem online unterzeichnen kann. Das boomt halt seit einiger Zeit schon sehr mit den Online-Petitionen, da könnte man/frau/kind auf die Idee kommen, dass das schön langsam inflationär wird und herzlich wenig bewirkt. Ich mag das aber trotzdem und ab und zu gibt’s dann eine nette Belohnung wie zum Beispiel eine Torte für Herrn Junker, die ihm, wenn ich mich nicht irre, anlässlich der zweimillionsten Stimme gegen das sogenannte Freihandelsabkommen TTIP feierlich überreicht wurde (in diesem Fall war das von der Initiative STOP TTIP).

In der besagten Mail von #aufstehn ging es jedenfalls kurz gesagt um dreierlei: die österliche Online-Werbung des Textilkonzerns Palmers auf Facebook, die Kritik der Journalistin Corinna Milborn daran und die Reaktion des Extremsportlers Felix Baumgartner auf diese kritische Äußerung in Form eines unflätigen Postings. Ich muss gestehen, meine erste Reaktion war eher genervt. Ich dachte mir, das ist doch irgendwie eine Nummer zu klein für euch, liebes Team von #aufstehn, is‘ euch leicht fad? Bei näherer Betrachtung hat mir das dann aber doch keine Ruhe gelassen, da mag man/frau mir durchaus sexistische Beweggründe unterstellen – was weibliche Reize anbelangt, bin ich wahrscheinlich genauso deppert wie jeder andere Hetero-Mann, naja, vielleicht nicht gar so schlimm, oder schlimmer… egal, ich finde die ganze Geschichte jedenfalls nicht nur nicht unamüsant sondern auch ziemlich surreal, um mal wieder dieses bis zur Erschöpfung missbrauchte Adjektiv der Kunstgeschichte zu verwenden.

Vielleicht zunächst zum Bild: Unter dem zeitlos schönen Logo mit dem hübschen Krönchen steht als Überschrift Unsere Osterhöschen, daneben ein kleiner Hase in Form eines Icons (vielleicht um dezent auf das Wortspiel mit dem vertauschten Umlaut hinzuweisen?), darunter ein Foto von sechs sehr schlanken jungen Frauen, die bäuchlings auf einem etwas ungewöhnlichen Orientteppich liegen und jeweils nur mit einem knappen, farbigen Damenslip bekleidet sind. Die Models liegen in der Ecke eines nachlässig renovierten Zimmers dicht an dicht und der Wand zugewandt, durch die beiden Fenster fällt ein wenig Sonnenlicht ein. Der Teppich mit biedermeierlich rustikalem Blumen- und Rankenmuster ist ein wenig zu klein geraten, so ragen im Vordergrund einige der nackten Beinpaare darüber hinaus und berühren einen abgenutzten Steinfußboden. Hinter den sechs Modellen ist der Boden mit Moos bedeckt, das in der Ecke zu einem kleinen Haufen aufgeschichtet ist. Auf dem Fensterbrett finden wir zwei leere Kerzenleuchter und ein Häufchen Blütenblätter. Rechts begrenzt ein kahler Ast das Bild.

Zwei Dinge haben mich sofort angesprungen, ich könnte nicht sagen was zuerst. Der eine Gedanke war: Das soll ein Palmers-Sujet sein? Das sieht doch irgendwie trashy aus und gar nicht classy, wie man/frau/kind das von anderen Werbemitteln dieser Modekette kennt. Der andere war sehr naheliegend für einen gelernten Österreicher, der Anteil an der kollektiven Erinnerung dieses Landes hat und nicht zu jung dafür ist: Die haben doch einfach billig dieses Palmers-Plakat für Strümpfe aus den Neunzigerjahren nachgebastelt. Aber dazu später.

Zu den Reaktionen: Laut Artikel im Standard hat Frau Milborn sich sinngemäß dann insofern kritisch dazu geäußert, dass sie sich durch die Ästhetik des Bildchens an Aufnahmen erinnert fühlte, die von Menschenhändlern angefertigt würden, um ihre Ware feilzubieten. Solche Fotos sind Frau M. durch ihre journalistische Arbeit bekannt (den meisten von uns wohl eher nicht). Dieser Gedanke kam mir anfangs recht abwegig vor und auch etwas weit hergeholt, doch klingt das für mich immer einleuchtender, je länger ich darüber grüble. Genauso gut könnte das natürlich auch ganz harmlos gemeint sein oder, was auch häufig vorkommt bei der kreativen Arbeit, es rutscht jemandem unbewusst etwas rein (oder raus), weil es gerade schnell gehen muss. Schwer zu sagen, ich war überdies auch einfach zu stark abgelenkt von der anderen Kerbe, in die die Kritik an der Unterwäsche-Ad schlug und zu der es eine Menge Postings gab, nämlich dass die Mädchen abgemagert seien oder ausgehungert. Das ist blanker Unsinn. Tut mir leid, aber die sind – ganz banal und schlicht und ergreifend – einfach nur dünn. Dünne Mädels. Das gibt es. Das darf nicht sein oder was? Mir fällt da schon eher ins Auge, dass die alle gleich dünn sind. Das sind wohl die gleichsten gleich dünnen Teenager, die ich je gesehen habe. Die sehen aus wie geklont und mir kommt in solchen Fällen dann immer eine Fernsehproduktion in den Sinn, bei der ich endlos lästern könnte und die ich hingebungsvoll verachte. Na Sie wissen schon, die mit der Heidi, das Sadomaso-Dschungelcamp für notorische Heulsusen, die mit teutonischer Härte zu vermeintlichen Supermodels gestählt werden. Da könnte man mal so richtig schön böse sein. Gut, dass das bereits Stefanie Sargnagel in ihrem wunderbaren Roman Fitness erledigt hat, sehr effizient und unmöglich zu toppen, aber zurück zu den Höschen und zum Posting von Herrn Baumgartner.

Der meinte, nachdem er eine abfällige Bemerkung über Frau Milborns Figur gemacht hatte, unter anderem: „Ich finde die Mädels weltklasse und springe da gerne mal dazwischen rein, auch ohne Fallschirm.“, nebst Dank an den Dessous-Hersteller und Grüßen aus Los Angeles (zu seiner Post gibt es inzwischen teilweise auch recht amüsante Kommentare von Blogger|inne|n). Nun ja, zum ersten Teil seines Postings, was soll man/frau dazu schon sagen? Oida, bist wo angrennt, ham’s da ins Hirn gschissn, geht’s no? Oder etwas freundlicher könnte man/frau/kind vielleicht fragen, ob Herrn B. eventuell schon mal was von dem Ausdruck No-Go gehört hat (ein Scheinanglizismus zugegebenermaßen und in Trumplandia wohl derzeit blöderweise unbekannt). Der zweite Teil ist allerdings bemerkenswert. Ich dachte da zunächst an eine sexuelle Anspielung oder eine unbewusste Neigung die sich da so zwischen den Worten verbirgt… dazwischen reinspringen ohne Fallschirm… hm, vielleicht der Wunsch nach ungeschütztem Verkehr? Mal wieder sporteln wie in alten Zeiten, was? Aber das war mir dann doch irgendwie zu naheliegend und dann hat das auch noch so etwas Unbeholfenes, Kindliches mit diesem Reinspringen… springen… der ist ja von ziemlich weit oben gesprungen, ganz allein und einsam in der Stratosphäre. Das bringt mich jetzt auf einen Gedanken.

Wir haben doch alle ab und an Sehnsucht, nach irgendetwas, was auch immer das sein mag. Die kann manchmal sehr stark sein. Manche sehnen sich in die Zeit der Jugend zurück oder in die eigene Kindheit. Viele oder, wenn wir der Psychologie vertrauen, die meisten sehnen sich gelegentlich zurück in den Mutterleib. Da war es schön warm und gemütlich, das ist gar nicht so abwegig, so nett ist es ja im Moment gerade nicht auf der Welt. Ich persönlich denke, dort wollen wir doch alle immer dann hin, wenn wir mal das Kopferl in einen Schoß legen oder an eine Schulter lehnen. Das ist ja eher etwas Seltenes, und gerade unter Paaren ein wenig aus der Mode gekommen, habe ich den Eindruck. Vielleicht ist das ein Bisschen verdächtig oder gefährlich – wer will schon ein großes Kind als Partner*in haben, könnten wohl einige denken?

Bei Menschen, sagt die schlaue Wikipedia die sich in Sehnsucht „verzehren“, kann diese in bestimmten Fällen krankhafte, psychopathologische Züge annehmen, so etwa wie bei verschiedenen Formen der Todessehnsucht, die bis zum Suizidwunsch reichen kann. Wenn ich jetzt ein wenig weiter denke, weiter zurück, noch vor den wohligen Aufenthalt im Warmbad des Uterus, dann ergibt das plötzlich Sinn mit dem Stratosphärensprung. Das ist so wie bei der alten Woody Allen-Komödie (Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten), in der der Protagonist als vereidigte Samenzelle mit einem Fallschirm abspringt. Das macht Sinn: Der Stratosphärenspringer entsteigt seiner Kapsel und stürzt sich kopfüber ins Ungewisse und die Erde ist seine Eizelle. Wahnsinn, da inszeniert einer todesmutig als menschgewordenes Spermium seine eigene Zeugung nach und macht sich selbst sinnbildlich zum Erzeuger seiner selbst, als Medienspektakel für uns alle und mit Unterstützung eines Großkonzerns selbstverständlich. Manno! Ich fürchte beinahe, da muss ich bis zum nächsten Mal eine Skizze dazu machen, naja, mal sehen.

Ach Gottchen…

P.S.: Nachträglich herzliche Gratulation Herrn Baumgartner für seine sportliche Leistung – ernsthaft – mir ist vom Zuschauen am Bildschirm schon schwindelig geworden. Der zweite Teil folgt in Bälde, hoffentlich dann auch wieder mit Illu.

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)