L’argent pour l’argent oder: How to fake a Leonardo · Teil 2

Nostalgia postfactica vom 29.05.2018 / → Teil 1

Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei (public domain) außer Skull and brain normal human diagram by Patrick J. Lynch, medical illustrator – Creative Commons License Attribution CC BY 2.5. Remixed by MxO

(zum Vergrößern ins Bild klicken)

Was hat mich da bloß geritten? Wie konnte ich nur in dermaßen arroganter Weise über hart arbeitende Kunsthistoriker, Restauratoren, Experten und -Innen herziehen? Was ist denn so schlimm daran das Bruttonationaleinkommen des ohnehin schon gebeutelten Vereinigten Königreichs mal eben mit einer kleinen Finanzspritze des eh so lieben und fortschrittlichen Kronprinzen aus dem schnuckeligen Saudi-Arabien ein klitzekleines Bisschen aufzupäppeln? Dass doch wenigstens der Harry Prinz und die Markle Meghan eine putzige kleine Hochzeitsfeier haben können. Wen stört denn das ernsthaft, ob der da Vinci Leonardo da an dem Heiligenbild nur grad‘ einmal vorbeigeschwommen ist wie die Cranberry am Vöslauer Balance-Flascherl? Was ist denn so schlimm daran, daß jetzt ein einziger nicht so ganz hundertprozentig echter Renaissance-Meister da irgendwo in der Wüste rumhängt? Interessiert doch eh keine S… Seele so wirklich. Was soll’s?

Ja was bloß?

Hm, na ja, das mit der Finanzspritze kann man so eigentlich nicht wirklich sagen, Christie’s gehört ja ganz eigentlich der Groupe Artémis, also ganz, ganz eigentlich dem französischen Milliardär François Pinault. Da bleibt dann wohl vermutlich doch nicht so viel in Britannien hängen. Blöde Geschichte. Und die Sache mit der Kunst? Nun gut, wenn die Kunst nicht mehr zählt, dann wird sie halt abgeschafft. Dann muss man/frau sie halt loswerden. Sag‘ ich jetzt mal so. Dann isse halt weg. Da muss man/frau/kind sich halt anfreunden mit mieser Qualität – bitte untertänigst um Verzeihung – mit den veränderten Verhältnissen. Vielleicht finden sich ja noch mehr Leonardos oder Rembrandts – ui, da habe ich jetzt vorgegriffen – oder wie wär’s mal mit einem Velasquez? Je mehr das werden, desto weniger fällt das dann auf, oder? Da werden wir uns schon dran gewöhnen. Da scheint sich zumindest für mich, aber bitte nehmen Sie mich bloß nicht für voll, ein hauchzarter Trend abzuzeichnen.

Okay, genug des Geplänkels. Fall Nummer 2, ich hab’s ja schon verraten, ist das angebliche Werk des niederländischen Barockmalers Rembrandt Harmenszoon van Rijn, ich gestehe, ich kann das selbst kaum aussprechen – mein Schneidezahnersatz ist schon etwas schief – gemeint ist jedenfalls der Rembrandt. Das vermeintliche Rembrandt-Gemälde nennt sich ‚Porträt eines jungen Mannes‘ – wie originell – und wieder fehlt die Provenienz – wie praktisch – und wieder ist der Betreiber des Deals Kunsthistoriker – wie unglaublich praktisch – und wieder ist der Herr zufällig gleichzeitig auch Spekulant – hui! Die Summe ist diesmal nicht ganz so berauschend, Herr Six, so heißt der schneidige Entdecker, hat etwa 156.000 Euro dafür hingeblättert, aber mal sehen, was sich durch den geplanten Wiederverkauf noch herausholen lässt, für den nunmehr „echten Rembrandt“. Na, läuft doch ganz gut bis jetzt.

Und das Beste diesmal ist, ich brauche mir nicht die Mühe zu machen mich persönlich aufzupudeln (wen das interessiert, den/die darf ich in aller Bescheidenheit auf den oben verlinkten Teil 1 dieses Beitrags hinweisen), das nämlich hat dankenswerterweise schon jemand anderer erledigt. Darüber bin ich tatsächlich sehr froh – bei mir kündigen sich bereits die ersten Anzeichen von Alkoholentzug an und der Artikel in der FAZ (hört, hört!) ist für Sie nur einen Klick weit entfernt – nämlich hier – überaus verständlich und knapp geschrieben, und Sie ersparen sich meine üblichen Schimpftiraden und ausufernden Details.

Wow, das isses schon wieder, das ging aber heute schnell :). Ja, ja, ich weiß, bliebe noch die Sache mit der Kunst, das war ja wirklich ein Bisserl kryptisch eben. Das Verschwinden derselben und so, der ernste Hintergrund der Story, ach Gottchen! Also gut, wann war doch gleich das letzte Mal, als da jemand auf die ingloriose Idee gekommen ist, man könnte da gröber an der Kunstgeschichte herumpfuschen? Ach ja, jetzt fällt’s mir wieder ein: 1936. Da erging ein Totalverbot jeglicher Kunst der Moderne, und 1937 gab es dann eine fesche Austellung in München dazu: Entartete Kunst. Na, das müssen Sie schon verstehen, die kramperten Nazi-Monumentalskulpturen und -Gemälde, das waren schon ordentliche Kaliber, da wär‘ ja schließlich auch einiges zusammengekommen in tausend Jahren, da braucht es dann schon ein Bissl Platz im Museum. Da können wir uns den doch nicht vollstellen mit so neumodernem Zeug, das eh keiner versteht. Die alten Meister versteht zwar auch keiner, aber die schaffen wir halt zur Sicherheit in den Obersalzberg oder sonstwohin. Man weiß ja nie, ob die noch einmal was wert sind, nicht?

Aber diese finsteren Zeiten sind ja längst vorbei, heute haben wir da subtilere Methoden zu Geld zu kommen, nur leider gehen uns die alten Meister aus und die neuen… ah, weiß nicht recht, da kriegt man/frau dann doch immer etwas Bauchzwicken, das ist doch so riskant, wer blickt da noch durch? Ist das nicht doch nur aufgeblasener Kitsch? Da macht einer riesige Klumpen Play-Doh aus Aluminium nach und malt Yachten an. Bäh! Ach, da bleiben wir doch lieber bei den alten Meistern. Jetzt wissen wir ja, wie man/frau die hervorzaubert, oder ? Vielleicht sollte ich auch mal einen nachbasteln, wenn das gar so lukrativ ist.

Viel Spaß, liebe Leserin, lieber Leser, mit dem Artikel von Stefan Trinks in der FAZ und… oh, jetzt muss ich doch noch eine kleine Ergänzung anführen. Bildvergleiche sind in der Kunstgeschichte ja immer noch das beste und unverzichtbarste Mittel um beweiskräftig zu argumentieren und ein solcher findet sich auch im angesprochenen FAZ-Artikel (das Porträt des Marten Soolmans). Es geht dabei um abermalige Stümperei in der malerischen Ausführung des Sensationsfundes und im Besonderen um die Hand auf dem ‚Porträt des jungen Mannes‘. Der Redakteur hat hier den überaus klug gewählten Begriff ‚Gummifinger‘ zur Verdeutlichung verwendet. Ohne Übertreibung, wie ich finde, denn man kann in der Tat nicht erkennen, ob die Hand behandschuht sein soll oder einfach abgestorben, überhaupt sieht der ganze Unterarm aus, als wäre ihm unter dem spitzenverzierten Hemd die Luft herausgelassen worden. Und – ich konnte mich da nicht erwehren – mir ist dann spontan das folgende Bild eingefallen, dass ich Ihnen keinesfalls vorenthalten will. Wer den Film kennt, erinnert sich bestimmt an die entsprechenden Szenen. Mörderisch gut und so was von deppert :D!

AG…

Gefladert von hier

P.S.: Irgendwie lässt mir das heute keine Ruhe. Das Seltsamste bei der ganzen Sache… die Dargestellten auf den Gemälden kommen mir so bekannt vor, ich kenne tatsächlich einen jungen Gentleman… also wenn man dem die Haare mit einem Hut so bescheuert in Form presst und ein Bisserl rotes Lipp-Gloss verpasst… und das letzte Mal beim Salvator mundi… sieht der nicht irgenwie dem Putin ähnlich, ich meine, in jungen Jahren… und man liest ja immer so viel über russische Fälschungen und so fort… aber in aller Öffentlichkeit? Nein, das kann doch nicht… oh, mon dieu! Commissaire Juve! COMMISSAIRE JUVE!

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)

Unkaputtbar

Allseitig vom 14.05.2018

Nachdem ich heuer ‚wien: heldenplatz‘ schon ungefähr hundertmal in allen erdenklichen Variationen besprochen, gehört und gelesen habe, zuletzt eben erst, Robert Rotifer sei Dank, in FM4 Heartbeat in der auf Christian Muthspiels Album ‚für und mit ernst‘ erschienenen echogepimpten Fassung, muss das einfach einmal aus mir raus:

JANDL ERNST ROCKS!

‚zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte.‘

AG…

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)

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Muckefuzz vom 10.05.2018

Wieder eine Möglichkeit entdeckt gelegentliche Schreibfaulheit zu überbrücken :), hier also die Top Drei meiner handverslesenen Auswahl an Musikvideos der letzten Zeit (also meiner letzten Zeit. Und alle drei in Überlänge… ist das angesagt jetzt? Hm…):

King Gizzard & The Lizard Wizard – Rattlesnake (Official Video) – 2016 – Kreation: Jason Galea

Jean Grae & Quelle Chris – „Gold Purple Orange“ | Official Video – 2018 – Regie: Jean Grae

KREISKY – EIN BRAVES PFERD – 2018 – Regie: Kreisky

Geil, oder?

AG…

… ’tschuldigen, sagen wir Top Vier, das hier ist einfach auch zu gut (und seit wann wollen eigentlich alle so aussehen wie ihre eigenen Eltern? Oder eher so wie meine. Hm…):

VIECH – Ich hab viele Fehler gemacht – 2018 – Konzept & Regie: Paul Plut, Christoph Lederhilger, Gerfried Guggi

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)

Ok, also

Allseitig vom 6.5.’18

da haben die in Trier/Deutschland eine Karl-Marx-Skulptur aufgestellt.

Das ist also der Aufreger jetzt, oder was?

Da haben die jetzt also ein mittelmäßiges bildhauerisches Konterfei eines Wirtschaftswissenschaftlers und Philosophen enthüllt. Und weiter? Könnte auch ein/e anderer Wissenschaftler*in sein, Gallileo Galilei oder Curie oder Einstein oder Freud, was wei?ß ich, so bsoffen wie ich jetzt schon bin, um 06:04, So.

Ok, das haben die Chinesen bezahlt. Und? Ich mein, da ist ein Bisserl Kohle daheim bei denen grad, würd ich meinen. Und? Jetzt scheißt‘as euch an, oder was?

Mann!

KARL MARX

Hu, hu!

AG…

Nachtrag, So, 14:10, wieder nüchtern: Okay, okay, ich bin ganz brav und relativier‘ das alles selbstverständlich wieder. Wie schändlich und überaus bedenklich, dass der autokratische Staat China sich da in Deutschland wichtig macht! Wo die doch gerade den Neoliberalismus unter pseudokommunistisch präsidiale Herrschaft gestellt haben, die schlimmen China-Menschen. Und was für ein Zufall, dass die Daimler AG ihre futuristischen Elektroautos da drüben produziert! Und wie naiv und deppert von der Trierer Stadtverwaltung, sich lieber auf die fernöstlichen Spendierhosen zu verlassen als sich dazu durchzuringen und aufzuraffen, eine/n ihrer Töchter/Söhne sich künstlerisch betätigen zu lassen (so ein altvaterisches Mandl hätten die wohl auch hinbekommen) oder zumindest mal z.B. Herrn Meese eine E-Mail zu schicken, damit der sich etwas einfallen lässt! Na, wenn das mal kein Danaergeschenk ist ;). Oh, du böse, böse Welt! :).

Ich darf jedenfalls in diesem Zusammenhang auf das Werk des Linzer Künstlers Hannes Langeder hinweisen, das mir als eine etwas zeitgemäßere Form der Marx-Huldigung erscheint und Ihnen die Url dazu posten: http://han-lan.com, dort finden Sie unter dem Link KARL MARX LIGHT ein paar Fotos seiner leichtgewichtigen Monumentalplastik des Revolutionsvordenkers. Also, liebe Trierer, das nächste mal ruft’s einfach den Hannes an, der macht euch dann schon was Nettes.

Ach ja, und hier noch ein anderer Link, da gab es ja schon mal was in Trier, das war in der Tat etwas origineller als die dröge Denkmalsenthüllung gestern, und die Dinger kann man/frau/kind sogar im Webshop kaufen, viel Spaß:

https://www.ottmar-hoerl.de/de/projekte/2013/2013_1_Karl_Marx.php

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)

Steel City meets Sleaford Mods

Muckefuzz vom 03.05.2018

Sleaford Mods, Support: Muscle Barbie, No Waves, Posthof Linz am 29.04.2018

Hier die kleine Anleitung zu einer gelungenen Sleaford Mods-Sause: Am besten sind Sie ein abgewrackter Endvierziger mit ständig Liebes- oder sonstigem Kummer, lädierten Bandscheiben und ohne einen Cent am Konto. Sie haben nicht endlos viele Freunde, dafür aber einige wenige wirklich gute. Sie werden von einer dieser barmherzigen Seelen auf das Konzert im Posthof eingeladen. Sie hatten den Chelsea-Gig verpasst und den richtigen Riecher, dass das im Flex nicht so richtig gut – nicht so wirklich richtig gut – werden kann, und die Geduld abzuwarten, bis die Gentlemen aus Nottingham sich endlich in Ihre Heimatstadt verirren. Das müsste doch in gewisser Hinsicht ein Heimspiel werden.

Sie beschließen Ihre Kamera daheim zu lassen, kratzen Ihr letztes Kleingeld zusammen, holen ihre Begleiterin und Sponsorin zeitig von zu Hause ab und trinken in der Küche Ihr erstes Bier (wichtig!). Es ist ein warmer Frühlingstag (cool!). Sie machen sich gemeinsam auf den Weg ins Linzer Industrieviertel und beschließen den 46er zu nehmen. Dazu durchqueren Sie den übervollen Volksgarten, lassen dabei den Blick über die zahlreichen Freiluftschachspieler und spielenden Kinder schweifen und schätzen den Migrant*inn*enanteil auf etwa 99 Prozent, was Ihnen einen Grinser auf’s Antlitz zaubert. Sie verpassen den Bus. Sie nehmen also den 45er, der Sie zwar nicht direkt zum Veranstaltungsort bringt, Ihnen aber einen kleinen Spaziergang durch das Industrieviertel beschert. Sie steigen aus und genießen die wunderbare Aussicht auf die Stahlstadtkulisse, vorbei an Bahngleisen, Industrieanlagen, gewerblichen Gebäuden, Lagerhallen und wucherndem Unkraut. Sie kommen am Posthof an und sind jetzt in guter Stimmung.

Ihre Begleiterin holt die reservierten Karten an der Kasse ab und bemerkt, dass sie vor lauter Wischen am Smartphone versehentlich den Zahlencode gelöscht hat, der sie zur Entgegennahme der (bereits bezahlten!) Tickets berechtigt. Sie schildert das Problem und gibt ihren Namen an. Die Kassierin ist unglaublich relaxed, fragt kurz nach, tippt irgendetwas in den Computer ein und händigt die Tickets mit ausgesuchter Freundlichkeit aus. Sie fühlen sich augenblicklich zu Hause.

Sie begeben sich zur Grünanlage, finden eine kleine, sonnenbeschienene Treppe aus mit Edelrost überzogenem Stahlblech, nehmen darauf Platz und genießen Ihr zweites Bier (sehr wichtig! Immer brav nachfüllen) und den beschaulichen Sonnenuntergang. Sie treffen am Eingang ein paar Freunde und Bekannte und stellen fest, dass überhaupt alles da zu sein scheint, was Rang und Namen hat in der Industriestadt. Die Vorband fängt an zu spielen, Sie sind nicht ganz sicher, was Sie da gerade hören und einigen sich mit Ihrer Begleiterin darauf, dass sich der Sound wohl so als eklektischer, darker Synthpop-Surf-Rockabilly beschreiben ließe. Ihnen gefällt, was Sie hören. Sie genehmigen sich einige Nummern dieser grundsoliden und sympathischen Band und noch ein Bier (nicht nachlassen! Auch als passionierter Rotweintrinker ist der Gerstensaft für Sie heute die einzig richtige Wahl). Ihre Begleiterin macht Sie auf die junge Schlagzeugerin aufmerksam, ein Musiker hatte die Sicht auf sie verdeckt. Sie äußern sich bewundernd ob der engagierten und akkuraten Spielweise.

Sie gehen nach dem Auftritt wieder nach draußen – der laue Frühlingsabend ist einfach zu verlockend – und quatschen mit noch mehr Leuten. Sie sind jetzt schon mehr als gut gelaunt. Sie versäumen die zweite Vorband, vernehmen aber durch die offene Eingangstür, dass auch diese eine gute Figur macht. Zu bereits nächtlicher Stunde bemerkt Ihre aufmerksame Begleiterin die ersten Takte Sleaford Mods und Sie machen sich eilig auf den Weg in den Saal.

Da stehen sie also, die beiden Herren aus Nottz. Der Anblick ist exakt derselbe wie auf Youtube nur ohne Youtube dazwischen. Sie brauchen einen Moment um die Situation tatsächlich zu realisieren. Wow! Ein Stapel aus drei Bierkisten, darauf ein mit Stickern übersäter Laptop, dahinter Andrew Fearn mit einer Zipfer-Dose in der Hand, einem Grinser im Gesicht und im Takt der Musik mitwippend, vorne Jason Williamson mit dem Mikro in seiner Rechten, der Fontänen von Spuckenebel in den fast leeren, schwarzen Bühnenraum brüllt. That’s it. Wahnsinn! Sie sind jetzt bereits glücklich. Das Publikum ist so gemischt wie nur erdenklich möglich und geht altersmäßig schätzungsweise von 16 bis 76. Gespielt wird dann eigentlich eh alles von ‚TCR‘ über ‚BHS‘ bis hin zu ‚Jobseeker‘, ‚Tied Up In Nottz‘ , ‚Jolly F*cker‘, ‚Fizzy‘, ‚Tweet Tweet Tweet‘ u.s.w., das volle Programm, nebst einiger weniger bekannter aber nicht minder genialer Tracks. Von den Hits gefehlt hat eigentlich nur das (trotz des dreisten Samples oder gerade deswegen) wunderbar hypnotische Stück ‚Chop Chop Chop‘ – das ist allerdings dermaßen derb aggressiv und politisch unkorrekt, dass ich durchaus Verständnis dafür habe das live nicht riskieren zu wollen – und das unpackbar strenge ‚I Can Tell‘, aber das wiederum ist womöglich eher so eine persönliche Präferenz von mir und faktisch mein Einstieg ins Sleaford Mods-Universum, mein Erweckungserlebnis, könnte man/frau/kind im wörtlichen Sinn sagen.

Das hatte sich in etwa so zugetragen: Ich kam vor nicht ganz zwei Jahren sturzbetrunken nach Hause, wie gewöhnlich damals, konnte wie üblich nicht einschlafen und ließ als Schlummerhilfe ganz leise das Radio laufen. Um fünf oder sechs Uhr früh schreckte ich plötzlich aus dem Schlaf und vernahm das besagte Musikstück. Was in aller Welt ist das denn? Ich notierte, was den Worten des FM4-Moderators zu entnehmen war auf einen Zettel und schlief wieder ein. Am nächsten Tag begann ich dann zu recherchieren und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, bis heute.

Und ich bin beileibe nicht der Einzige. „Wir haben eine Bühnenshow und Jason hat eine Bierkiste. Toll. Wir sind erledigt.“, meint Neil Barnes vom britischen Elektronik-Duo Leftfield in der sehenswerten Doku Bunch of Kunst, und der Godfather des Punk Iggy Pop bezeichnet sie gar als die „zweifellos, absolut, definitiv beste Rock-’n‘-Roll-Band der Welt“. Was will man nach so einem Adelsprädikat überhaupt noch erreichen? Da kann man ja im Grunde gleich auf den Einzug in die Rock-’n‘-Roll-Hall-of-Fame pfeifen, oder? Wenn Sie mal in schlechter Stimmung sein sollten, kann ich Ihnen nur empfehlen sich durch die zahlreichen Interviews, ob in Video- oder Textform, zu klicken. Denn die beiden Herren sind nicht nur Ausnahme-Künstler sondern überhaupt ziemlich kompromisslos und dabei so angenehm unprätentiös, dass man/frau/kind sie einfach mögen muss. Oder haben Sie schon mal gehört, dass jemand aus der Labour Party rausgeschmissen wird – wegen ungebührlichen Betragens bzw. im verbrämten Originalsprech: wegen „online abuse“ (Herr Williamson hatte in einem Tweet seinem Unmut über einen Parteifunktionär spontan und ohne Umschweife Ausdruck verliehen, um es einmal so zu formulieren)?

Zurück zum Rezept für einen feinen Sleaford Mods-Abend: Ihre Begleiterin hat für Bier-Nachschub gesorgt (Sie brauchen das einfach. Nicht um betrunken zu werden – wo denken Sie hin – sondern um ordentlich zu schwitzen), der Saal ist nach ein paar Nummern schon gut aufgeheizt und einige im Publikum sind schon am Shaken. Nahezu jeder Track ist besser als der vorhergehende und Mr. Williamson liefert seine Performance mit einer Perfektion und offensichtlichen Freude an der Sache ab, die ihresgleichen sucht. Beschreiben lässt sich seine Bühnenpräsenz ohnehin kaum. Nur so viel: Auf der Bühne steht ein Ventilator, der exakt auf den Sänger ausgerichtet ist, wohl um dessen Überhitzung vorzubeugen (und glauben Sie mir, Herr Williamson hat wirklich den Eindruck erweckt, als hätte er die Kühlung nötig). Sollten Sie noch nicht das Vergnügen gehabt haben, dann klicken Sie sich einfach durch die zahlreichen im Netz vorrätigen Live-Videos, und Sie bekommen zumindest einen vagen Vorgeschmack auf das, was Sie auf einer Show der Sleaford Mods erwartet. Weiter im Text:

Jetzt sind Sie mit Bierholen dran. Nach einer geschätzten ganzen oder einer gefühlten halben Stunde hören die beiden einfach abrupt auf und gehen von der Bühne. Der Applaus ist erwartungsgemäß heftig, die Herren lassen sich auch nicht lange bitten, und die Zugabe fällt dann überaus großzügig aus. Mr. Williamson betritt die Bühne jetzt mit einem weißen Frottee-Handtuch über dem Kopf, das ihm dann effektvoll in der Bühnenmitte vom Kopf rutscht. Die Haare werden gewissenhaft in die Stirn gestrichen, bis der Reindl-Haarschnitt wieder sitzt, dann wird weiter in geschliffen ungeschliffenen Versen ins Mikrofon geschimpft. Im breitestem East-Midlands-Dialekt. Ihre Begleiterin, mit der Sie das Konzert bis jetzt unmittelbar vor der Bühne verbracht haben, schlägt jetzt vor sich in die Mitte des Saals zu begeben. Dort ist der Sound am besten. Sie folgen ihr und genießen den Rest des Konzerts in bester Klangqualität.

Sie sind überglücklich, fühlen sich seit langem wieder einmal als Mensch und würden am liebsten noch drei Stunden zur Musik der Sleaford Mods abtanzen. Sie gehen nicht gleich nach Hause sondern hängen lieber noch in der warmen Frühlingsluft ab, trinken gemütlich Ihr Bier aus. Sie unterhalten sich mit zwei Dudes, die extra aus Wien angereist sind, um das Konzert zu sehen, obwohl sie bereits auf den anderen beiden Österreich-Gigs der Nottinghamer waren. Sie bemerken, dass Mr. Fearn ebenfalls vor dem Eingang steht und sich ein Bisschen mit den Leuten unterhält. Die Stimmung unter den Konzertbesuchern könnte nicht besser sein, und es ist nicht der geringste Funke von Aggressivität zu bemerken. Sie wollen noch die beiden Leergebinde zurückbringen, treffen im Kassenraum Andrew Fearn (schon leicht angeheitert) und machen ihm (schon leicht angeheitert) ein ehrlich gemeintes und viel zu überschwängliches Kompliment. Sie wechseln ein paar Worte, Herr Fearn unterhält sich aber ohnehin lieber mit Ihrer Begleiterin, was Ihnen die Gelegenheit gibt die Becher gerade noch rechtzeitig ins Lokal zurückzubringen, bevor endgültig geschlossen wird. Ein freundlicher Mitarbeiter weist Sie an den seitlichen Ausgang zu benutzen, da er bereits alle anderen Türen dicht gemacht hat. Sie verlassen als letzter Gast die Bude. Draußen ist es noch immer angenehm warm.

Die Herren aus Wien beschließen ein Taxi ins Zentrum zu nehmen und bieten Ihnen die freien Plätze an. Sie nehmen dankend an. Sie gehen alle gemeinsam zu einem Würstelstand und werden auf noch ein Bier eingeladen. Sie unterhalten sich über Gott und die Welt. Sie gehen rüber zum OK, fahren mit dem Lift zum Mediendeck hinauf und finden dort eine gelangweilte Truppe vor. Sie verlassen das Mediendeck augenblicklich wieder und machen sich mit ihrer Begleiterin über die miese Stimmung drinnen lustig, vor allem über den erbärmlichen Geruch nach muffigem Turnsaal und stinkenden Füßen. Sie verbringen noch ein Bisschen Zeit auf dem OK-Platz, bringen Ihre Begleiterin wohlbehalten nach Hause und gehen dann selbst heim schlafen.

Am nächsten Tag wachen Sie ohne Kater auf und beginnen nach einem kleinen Frühstück damit diesen Beitrag zu schreiben. Sie bedanken sich bei Ihrer Begleiterin und Sponsorin per SMS für den schönen Abend. Sie meldet sich einige Zeit später und sagt Ihnen zu die Handy-Aufnahmen, die Sie beide vom Konzert gemacht haben, zu schicken. Sie gehen auch Ihr eigenes Handy durch und finden folgenden Satz, den Sie am Vortag eingetippt haben – in Anlehnung an und Reflexion über Sigmund Freuds Todestrieb (oder dessen Widerlegung durch Wilhelm Reich oder Verteidigung durch Jacques Lacan oder an Lacan angeschlossenes Postulat Slavoj Žižeks oder was zur Hölle auch immer):

‚Welchen vernünftigen Grund für das gelegentliche Streben nach Entgrenzung hätte der Mensch, wenn nicht den, mit seinem unvermeidlichen Tod sich anzufreunden?‘

Ein Bisserl hochtrabend vielleicht, zugegeben, aber fragen wird man ja wohl noch dürfen.

AG…

Pics by Niq (thanks for sharing) & MxO, remixed by MxO

 

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Frau Márkos (vormals Monsieur O)

Künstlert und schriftstellert (zumindest laut Statistik Austria)